Nachruf

Am Dienstag starb in der Früh unser Vater im Alter von 91 Jahren. Er schlief zuhause ein, nach kurzer schwerer Krankheit, wie man so sagt. Mein Vater brachte mich zum Sport, zum Fußball, und indirekt auch zum S04.

Im Jahre 1928 geboren, erlebte er als Angehöriger der sogenannten „Luftwaffenhelfer“-Generation die Machtübernahme, das „Dritte Reich“ und den zweiten Weltkrieg als Kind und Heranwachsender. Hitlers Wehrmacht zog (nicht nur) ihn mit 16 Jahren heran, um ihn als Luftwaffenhelfer an die Flak-Geschütze im Ruhrgebiet zu schicken. Aus gesundheitlichen Gründen nur für kurze Zeit, was ihm das Leben gerettet haben dürfte. Folge hiervon war unter anderem, dass er es nicht mit den Nazis hatte. Ganz und gar nicht. Nicht mit den alten, und nicht mit den neuen, die heute im Bundestag sitzen.

Mein Vater war ein sportbegeisterter Jugendlicher, was damals bedeutete, dass er Leichtathletik betrieb und Fußball spielte. Später wurde Tennis seine große Leidenschaft. Die großen Fußball-Idole der Zeit, der 30iger und frühen 40er Jahre, waren die Fußballer des FC Schalke 04, gerade auch für die Sauerländer. In meiner alten Heimatgegend, wo Papa geboren wurde und den Großteil seines Lebens verbracht hat, hatte es tiefen und nachwirkenden Eindruck hinterlassen, dass die Mannschaft des S04 nach dem Gewinn der ersten Meisterschaft 1934 zu einem dreiwöchigen Sommerurlaub eben ins sauerländische Freienohl gereist war.

In den Nachkriegsjahren fuhr mein Vater dann selbst zu Spielen in die Glückauf-Kampfbahn, was unter den damaligen Verkehrsbedingungen eine halbe Weltreise darstellte.

Unser Vater war kein Fan in dem Verständnis, wie es sich die letzten Jahre und Jahrzehnte entwickelt hat. Er hat mich nicht mit ins Stadion genommen. Er hat mich dem Verein nicht zugeführt. Dafür hat er eine meiner beiden älteren Schwestern in Richtung Schalke beeinflusst, die dann wiederum mich beeinflusste und sich gegen unseren älteren Bruder, Bayern-Fan, durchsetzte. Und er hatte Verständnis. Als ich 17 war und mal wieder morgens nicht aus dem Bett kam, weil ich spät von einem Schalke-Spiel nach Hause gekommen war, überhörte ich morgens eine Unterhaltung meiner Eltern, die in etwa so verlief:

Mama: „Der war schon wieder beim Fußball, bei Schalke gestern, der ist doch total verrückt.“

Papa: „Na und, ich war genauso verrückt auf Schalke in dem Alter.“

Er verfolgte das Fußballgeschehen interessiert, aber eben nicht fanatisch. Auch an Dortmunder Erfolgen konnte er sich erfreuen, besonders, wenn sie zum Nachteil des FC Bayern gerieten. Dennoch, Schalke lag ihm am Herzen, was man eher daran merkte, dass er sich mir gegenüber gerne darüber lustig machte, wenn auf Schalke mal wieder was schieflief. Also nur so ein oder zwei Mal in all den Jahrzehnten ….

Im Jahre 2007 nahm ich meinen Vater, zu dem Zeitpunkt 79 Jahre alt, für ein Spiel mit in die Arena, Nordkurve, Heimspiel gegen Bayer Leverkusen oder den HSV, das erinnere ich nicht mehr genau. Beide Heimspiele lagen direkt hintereinander, vor den Heimspielen war Schalke Tabellenführer mit sechs Punkten Vorsprung, beide Heimspiele gingen verloren. Papa hatte mal wieder Grund, sich lustig zu machen.

Im Frühjahr, kurz vor seinem 91. Geburtstag, unterhielten wir uns mal wieder über Schalke, und die damals beschissene Lage in der vorigen Saison, und er meinte, dass er sicher keine Schalker Meisterschaft mehr erleben würde. Ich erwiderte, dass auch ich stark daran zweifele, zu meinen Lebzeiten eine zu erleben.

Einer seiner letzten Sätze, die er bei klarem Verstand kurz vor seinem Tod äußerte, lautete: „Der letzte Weg war mühsam, aber das Leben war schön.“ Ein wundervoller Satz, wie ich finde. Mach’s gut, lieber Papa.

Joe

Joe

Schalker, Berliner, Sauerländer, Jurist & Betriebswirt, Jahrgang 73, und nun auch noch Blogger und Kommmunen-Mitgründer.
Joe

3 Kommentare zu “Nachruf

  1. @„Der letzte Weg war mühsam, aber das Leben war schön.“ Ein wundervoller Satz, wie ich finde. Mach’s gut, lieber Papa.

    Ich bekomme gerade eine Gänsehaut …

    Auch von mir unbekannterweise herzliches Beileid.

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  2. Sehr berührender Text, Johannes. Fußball ist etwas sehr Authentisches und Lebensnahes. Lass‘ uns gemeinsam daran arbeiten, dass das so bleibt.

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