„Vielleicht gibt es Chemnitz gar nicht!“ Fußball, Nazis, Gegenwehr.

Wie politisch ist Fußball? Tragen Vereine gesellschaftliche Verantwortung? Sind Spieler politische Akteure? Ich wäre froh, ich könnte diese Fragen theoretisch diskutieren. Die Entwicklungen der letzten Wochen (und Jahre), deren Ergebnis offen zur Schau getragener Rechtsradikalismus, Nationalismus, Fremdenhass sowie deutlich anti-demokratische Tendenzen sind, zwingen mich, konkret zu werden: Chemnitz. Als Karl-Marx-Stadt Geburtstort unseres Torwarts Ralf Fährmann. Der Chemnitzer FC, die „Himmelblauen“, das Team von Pascal Itter, des Verteidigers aus der Schalker Jugend. Der CFC, das Team aus der vierten Liga, Testspielgegner der Königsblauen Anfang 2017. Fußballtechnisch ist Chemnitz nah.

Ich rede mit Marco. Marco ist aktiv bei „Chemnitz Nazifrei“, einer Initiative, die sich seit Jahren in und um Chemnitz gegen Rechtsradikalismus engagiert. Marco möchte seinen Nachnamen nicht veröffentlicht sehen. Schon in seiner Jugend, erzählt er, sei er in dem sächsischen Dorf, in dem er großgeworden sei, von Nazis verprügelt worden. Das präge.

Marcos letzter Besuch in dem Stadion, das bis vor kurzem „community4you ARENA“ hieß, ist schon ein wenig her. Aber um zu verstehen, welche Verbindungen es zwischen der Fanszene des CFC und den Menschen gäbe, die für die Hetz- und Verfolgungsjagden nach dem Tod von Daniel H. verantwortlich sind, muss man kein expliziter Fußballfan sein. Schon 15 Jahren gibt es in der Stadt eine organisierte rechtsradikale Hooliganszene, ausgehend von den sogenannten „NS Boys“, wobei das Kürzel für „New Society“ stehe. Die Gruppierung habe zwar innzwischen Stadionverbot und werde vom Verfassungsschutz beobachtet, beteiligt sich aber bis zuletzt an rassistischen Übergriffen in Fußballstadien. Ähnlich agierte in den 1990ern „HooNaRa“ („Hooligans Nazis Rassisten“), deren Gründer Thomas Haller dann auch einfach mal den Ordnerdienst des CFC sowie eine Kneipe am Stadion betrieb.  Die HooNaRa seien zwar aufgelöst, können aber laut Haller „in einer halben Stunde wieder da sein.“ Zu was die Szene im Zweifel zu leisten im Stande sei, hat die Gruppierung „Kaotic Chemnitz“ gezeigt: Am fraglichen Sonntag haben sie binnen kürzester Zeit mehrere Hundert rechter Anhänger aktiviert. „Fußball und Politik sind in Chemnitz eins“, erläutert Marco. Aber nicht nur die Politik, sondern auch der Verein sowie die Spieler verblieben inaktiv. Nur eine T-Shirt-Verkaufsaktion vor dem Stadion sei geplant. Eine eindeutige Haltung gegen rechts könne sich der gerade mit der Insolvenz kämpfende Verein auch gar nicht leisten, denn dann sei „die Südkurve einfach leer.“ Am schlimmsten sei es derzeit aber laut Marco, weil die wenigen Initiativen und Menschen, die gegen solche Gruppierungen aktiv seien, keine Unterstützung erführen. Weder von der Stadtverwaltung, noch von der Politik. Auch die Polizei habe seiner Meinung nach am fraglichen Sonntag vollständig versagt. „Viele der Polizisten aus der fraglichen Staffel sind doch selber CFC-Fans“, so Marco. Viele leugneten das Geschehene einfach. Die CDU in Sachsen spricht sogar davon, dass es am fraglichen Sonntag gar keine Jagden auf Menschen gegeben habe (edit: seit gestern, 07.09., stellt das auch der Präsident des Verfassungsschutzes, Hans-Georg Maaßen, in Frage). Marco mache das fassungslos. „Wenn es diese Gewalt nicht gegeben haben soll, vielleicht gibt es dann auch Chemnitz gar nicht?“ Der Tod von Daniel H. sei der Tag X gewesen, die Rechtfertigung der rechten Szene, alle Hemmungen fallen zu lassen. Nach acht Tagen Aufregung und Schlaflosigkeit sei er heute mal wieder einen Café trinken gegangen, auf der Straße. Dort wird sich ganz unverhohlen mit Freude über die Ausschreitungen unterhalten und dass die Ausländer „endlich rausgeworfen werden“. (Anmerkung: In Sachsen leben laut dem Statistischen Bundesamt ca. 195.000 Ausländer. Zum Vergleich: In Berlin ca. 888.000, in NRW 2,5 Mio.). Nazikleidung, wie die „Landserpullover“ werden offen getragen und auch von niemandem kritisiert.

Und dann erzählt er noch von einer weiteren Verbindung der rechten Ultras in Chemnitz, die es schon seit Jahren gebe: Die zu Teilen der Fanszene des BVB in Dortmund. Die Ruhrnachbarn haben ein gravierendes Naziproblem, das betrifft den Verein und die Stadt: Dort versuchten sogenannte „Autonome Nationalisten“ vor Jahren eine „national befreite Zone“ einzurichten. Ein Beispiel, dem man in Chemnitzer Stadtteil „Sonnenberg“ versuchte, nachzueifern, das aber zum Glück gescheitert sei.

Die Trennung, die zwischen Fußball und Politik gezogen wird, ist künstlich und willkürlich. Sie hilft den Falschen. Diese Trennung aufzuheben, ist Aufgabe des DFB sowie der Vereine im Profi- und Amateurfußball. Rassismus, Fremdenhass und Ausgrenzung sind Themen, die in den Vereinen, in den Stadien thematisiert werden müssen. Ohne vor Ort gewesen zu sein, ist in Berichten wie dem von Marco zu spüren, dass dort der Ausnahmezustand geherrscht hat. Vor diesem Hintergrund empfinde ich es mittlerweile als ein Privileg, im Stadion in Ruhe ein Fußballspiel anzusehen zu können. Ich möchte auf Schalke nicht in die Situation kommen, als Demokrat in der Minderheit zu sein. Und ich bin überzeugt, dass sich jeder Königsblaue fragen muss, welchen Teil er dazu beitragen kann, dass das so bleibt.

Christian

Christian

Nach der aktiven Karriere (Champions League-Teilnahme mit den Schäl Sick Rastellis) erfolgloser Demotivationstrainer an ostdeutschen Theatern. Jetzt Vertreter (u. a. von gebrauchten Interessen). Windows 98-Experte. Vater. Genosse. Ostfriese. Schalker. Kommunen-Koch.
Christian

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