Unser Senf zum Spiel: Schalker Mäusezoo gegen Berliner Maurer 0:2

Der FC Schalke 04 hat dieses Spiel zu Recht verloren, auch wenn die Hertha es nicht zu Recht gewonnen hat. Wie schon in der letzten Woche gegen den VfL Wolfsburg entscheidet sich das Spiel in wenigen hektischen Minuten. Danach herrscht Ratlosigkeit im Spielaufbau.

Nach dem sehenswerten 0:1 durch die Gäste aus Berlin ist es kein Spiel mehr gewesen, das taktisch zu analysieren wäre. Der Fokus der Betrachtung muss darauf liegen, wieso die Mannschaft in einem derart schlechten mentalen Zustand ist, dass sie eine Stunde Spielzeit benötigt, um nach einem Rückstand gegen einen eher durchschnittlichen Gegner Chancen zu erarbeiten. Im Spielaufbau fehlen alle Grundfertigkeiten, es gibt kein Spiel ohne Ball, die Abwehrarbeit ist oft pomadig. Lustigerweise sind die wenigen Abschlüsse, die es gab, gefährlich. Wir können erahnen, dass Uth ein richtig guter ist und wichtig für uns werden könnte. Aber insgesamt hat man nicht den Eindruck, dass das Team bereits in die Liga gestartet ist, sondern sich noch in der Vorbereitung befindet. Was sind die Gründe dafür?

  1. Die Champions League hängt wie ein drohender Leistungsnachweis über den Köpfen. Es scheint, als wären schon jetzt alle mit dieser Herausforderung belastet, bevor sie eigentlich begonnen hat. Nachdem man den Spielern ein Jahr lang eingeredet hat, dass sie vollkommen zu Unrecht Tabellenzweiter geworden sind, weil sie ja eigentlich gar keinen Fußball spielen können, frustrieren jetzt selbst einfache Fehler doppelt.
  2. Die Stabilität in der defensiven Mitte fehlt. Das der Abgang von Goretzka schmerzhaft ist, war klar, aber bei dem Trouble um Max Meyer haben wir übersehen, dass er auch sportlich wichtig war: Er war ein verlässlicher (!) und ballsicherer 6er mit Spielübersicht.
  3. Man möchte Tedesco nehmen und ihn sanft schütteln: „Lieber Domenico. Spiele keine Viererkette.“ Es hat vorher nie funktioniert und auch gestern nicht. Denk Dir was anderes aus, #teddylove.
  4. Am gleichen Tag nachmittags konnte ich das Glasgowderby sehen. (1:0 Celtic). Man möchte dem Team etwas von der dort zu bestaunenden Direktheit, Einfachheit, Zielstrebigkeit wünschen. Hört auf zu denken, zu rechnen, zu taktieren und nehmt das Herz in die Hand!
  5. Symptomatisch für das derzeitige Kernproblem der Mannschaft ist der Auftritt von Sebastian Rudy: Da wird vor Wochenfrist ein Spieler für eine zentrale Rolle verpflichtet und kommt umgehend in die Startelf. Ein Team besteht jedoch nicht aus Beinen und Füßen, sondern aus Köpfen, Herzen und gegenseitigem Verständnis. Rudy konnte nicht liefern, schlicht, weil es naiv ist, das von ihm zu erwarten. Die Spieler reden nicht miteinander, die Rollenverteilungen sind unklar, alle warten auf den jeweilig anderen. Ich bin überrascht, das selbst verlässliche Größen wie Naldo und Caligiuri nicht präsent sind. Ich habe in dieser Situation im Übrigen großen Respekt vor der Art und Weise von Sané, der trotz des hohen Risikos ein ums andere Mal aktiv wurde und versuchte, das beste aus der Situation zu machen.

Die Länderspielpause kommt wie gerufen. Das Team hat noch einen sehr langen Weg zu gehen, aber es kann sich in den nächsten Tagen erstmal richtig kennenlernen. Rudy wird seine Rolle bekommen. Nastasic wird wieder spielberechtigt sein. Vielleicht sollte es mal lauter werden, um den Stress abzubauen, der gerade hemmt. Vielleicht ist es fair zu sagen, dass man mit den Erwartungen, als zweitbeste deutsche Mannschaft in die neue Saison zu starten, aktuell nicht klar kommt. Kleine Brötchen backen, Geduld haben, Lösungen suchen.

Glück auf. Bleibt positiv.

(Im Übrigen geht mir die Hertha einfach richtig auf den Sack. DAS ist wirklich anti-Fußball.)

 

Christian

Christian

Nach der aktiven Karriere (Champions League-Teilnahme mit den Schäl Sick Rastellis) erfolgloser Demotivationstrainer an ostdeutschen Theatern. Jetzt Vertreter (u. a. von gebrauchten Interessen). Windows 98-Experte. Vater. Genosse. Ostfriese. Schalker. Kommunen-Koch.
Christian

2 Kommentare zu “Unser Senf zum Spiel: Schalker Mäusezoo gegen Berliner Maurer 0:2

  1. In der letzen Saison ist Schalke oft früh in Führung gegangen und hat das Ergebnis dann verwaltet. Die letzten beiden Spiele verliefen umgekehrt. Man geriet früh in Rückstand und dann ist es in der Bundesliga schwer zurückzukommen bzw. das Spiel zu drehen. Das zeigen auch die anderen Spiele in der Liga.
    Bzgl. Rudy gebe ich Dir Recht. Er hätte noch Eingewöhnungszeit gebraucht. Bzgl. Meyer/Goretzka teile ich Deine Einschätzung nicht. Letztlich haben sie letzte Saison zu unregelmäßig gespielt und Schalke auch ohne sie die Spiele positiv gestaltet. Vermutlich sucht Tedesco noch nach seiner Stammelf. Gestern hat er sie nicht gefunden.

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  2. Nastasic wird dem Spiel wieder gut tun. Mc. Kennie ist noch zu ungestüm im Spielaufbau. Das gelang Kehrer im vergangenen Jahr deutlich besser. Die Rolle von Meyer wird Rudy übernehmen können, wenn die Abläufe besser einstudiert wurden. Serdar und Mascarell dürften nun die Alternativen für Bentaleb lauten.

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