Welche Werte hätten’s denn gern?

Der Saisonbeginn 2018/19 naht, aber zum Fall Mesut Özil muß ich noch was loswerden. Die Ausmaße sind bemerkenswert, bzw. eigentlich unfaßbar. Von einem dämlichen, überflüssigen PR-Foto zugunsten des Despoten Erdogan über das Vorrundenaus bis beinahe zur Staatsaffäre. Viele, sehr viele Kommentare dazu, aus berufenem oder weniger berufenem Mund. Ein Wort fiel dabei von Beginn an immer wieder: Werte. Reden wir also über Werte. Welche hat der DFB? Welche der S04? Spielt das eine Rolle, welche Werte ein Spieler privat so vertritt?

DFB und Werte?

Hört man die Kombination „DFB“ und „Werte“, mag ein böswilliger Zeitgenosse an die üppig dotierten Sponsoren-Verträge mit den DFB-Partnern Adidas und Mercedes (ab 2019: Volkswagen) denken. Durchaus verfehlt, der DFB hat einen Ethik-Kodex, der in § 6 Ziffer 1 der DFB-Satzung neben diversen Ordnungen (Spielordnung, Finanzordnung usw.) aufgeführt wird. Der Kodex zählt im einzelnen folgende Wertbegriffe auf: Respekt und Vielfalt, Fairplay, Integrität, Ehrenamt, Transparenz, Solidarität, Gesundheit und Umwelt. In der Präambel zum Ethik-Kodex bekennt sich „[D]der DFB (…) zu Qualität, Objektivität, Ehrlichkeit, Fairness und Integrität als zentrale Voraussetzungen für den gemeinsamen Erfolg. …“

 

Für wen sollen diese Werte gelten? Wiederum laut Präambel bestimmen „[D]die im vorliegenden Ethik-Kodex definierten Werte und Grundsätze (…) das Verhalten und den Umgang innerhalb des DFB und gegenüber Dritten.

 

Der Kodex ist für alle Organe, Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer und sons-
tigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die ehrenamtlichen Funktionsträger
sowie für sämtliche Unternehmen, an denen der DFB die Mehrheit der Anteile
oder Stimmrechte hält, verbindlich. …“
Und was heißt das jetzt?
Der gute Mesut, der alte Gelsenkirchener. Wie er sich nach dem Foto verhalten hat, seine Nichtkommunikation, hatte mit Fairplay oder Transparenz nichts zu tun, beurteilt nach dem, was die Öffentlichkeit bis zu seiner Rücktrittserklärung erfahren konnte. Ob es jetzt Schnoddrigkeit war, Ignoranz, kognitive Dissonanz – Schweigen war hier nicht Gold, zumal, wenn es auch teamintern, nach allem, was man lesen konnte, bei der WM ein Rolle spielte. Das rechtfertigt Kritik an diesem Verhalten.
Allerdings sind die Äußerungen von Herrn Grindel, Herrn Bierhoff sowie das laute Schweigen bzw. die windelweichen Äußerungen eines Teils seiner ehemaligen Teamkollegen, insbesondere des Mannschaftskapitäns, Herrn Neuer, alles andere als solidarisch, fair oder respektvoll. Die Führung des DFB und der Nationalmannschaft haben versagt. Selten war ich so froh, daß Herr Neuer nicht mehr das blaue Trikot trägt, dieser entsetzliche Feigling. Ich verstehe Mesut sehr gut, wenn er diese Natioalmannschaft verlassen hat, auch wenn Fähigkeit zur Selbstkritik überhaupt nicht seine Sache zu sein scheint. Der Hinweis auf Berater zählt nicht, er ist ein gestandener Erwachsenener, Profi-Fußballer mit einer mehr als beachtlichen Karriere. Da muß man sich der Kritik stellen. Es sei denn, er wird nicht nur beraten, sondern gar betreut (früher: er hat einen Vormund), aber es gibt keinen Hinweis dafür.
Wenn ich das Verhalten des DFB und seiner Verantwortlichen sehe, komme ich zu diesem Ergebnis: Werte, nichts als leere Worte.
Und auf Schalke so?
Es gibt ein Leitbild auf Schalke. Auch da habe ich, was Mesuts Verhalten in dieser Sache angeht, Bauchschmerzen. Mit Respekt und er Absage an Diskriminierung und Gewalt paßt das PR-Foto nicht zusammen. Natürlich bleibt er ein Gelsenkirchener Junge und immer auf Schalke willkommen. Vielleicht unterhält sich Mesut mal mit Deniz Yücel darüber, wie es ist, gewissermaßen Privatpatientgefangener von Erdogan zu sein. Man kann auch was dazulernen, lieber Mesut (der Du das hier vermutlich nie lesen wirst).
Und nun eine kleine Denkaufgabe: Nehmen wir an, es rückt auf der Knappenschmiede ein junger Spieler auf, nennen wir ihn Thomas Wunderkicker. Der neue große Star des Weltfußballs. Blauer durch und durch. Lehnt die ersten großen Angebote von wirklich großen Vereinen aus Manchester, Madrid oder Barcelona ab. Vor der Saison äußert er sich so: „Das mit der Demokratie, schön und gut, aber das ist alles so chaotisch. Ich mag es, wenn es übersichtlich ist, wenn einer sagt, wo es langgeht, und man hält sich dran, und dann hat man auch kein Probleme. In so einem alternativen Deutschland könnte ich sehr gut leben, besser und lieber als im aktuellen.“ Und dann? Welche Rolle spielt dann unser Leitbild, unsere Satzung?
Spielt das Leitbild sonst eine große Rolle? Wenn wir Schalke leben? Leben wir das Leitbild? Zugegeben, ein Marketing-Claim, aber „Wir leben Dich“ trifft es schon verdammt gut, diesen solidarischen, anarchischen, vereinsloyalen Menschen, der sich Schalker nennt.
Epilog
Die FIFA hat sich gerade einen neuen, überarbeiteten Ethikkodex verpaßt. Korruption ist jetzt nur auf französisch schlecht, wenn ich das recht verstanden habe, und Kritik an der FIFA ist nicht gut, wenn man sich an den FIFA-Ethikkodex halten muß. Das muß ich aber nicht, deswegen: Laßt uns diese Scheiß-FIFA überwinden.
Glückauf.
Joe

Joe

Schalker, Berliner, Sauerländer, Rechtsanwalt Jahrgang 73, und nun auch noch Blogger und Kommmunen-Mitgründer.
Joe

2 Kommentare zu “Welche Werte hätten’s denn gern?

  1. Fotopapier ist dann wohl das ungeduldigste Papier, was es so gibt. Diese ganze ‚Wertedebatte‘ ist so wertlos wie irgendwas, wenn solche Blitzbirnen wie Effenberg, Matthäus, Basler und sonstige ‚Experten‘ für ihre gequirlte Scheiße sowohl Gehör finden als auch noch bezahlt werden. Die salbadern den lieben langen Tag nur Mist und das nicht nur ungestraft, sondern die finden auch noch Gehör für ihren Dreck.
    Es geht niemanden was an, welche politischen Ansichten ein Spieler hat und auch nicht, welchen Gott er anbeten zu müssen meint. Auch nicht, wer sich mit wem und warum ablichten läßt, das ist alles reine Privatsache. Wenn aber all das zu einer absolut ungenießbaren Melange verrührt wird, weil mal wieder Sommerloch ist, dann darf man sich auch nicht darüber wundern, dass das Hochkochen erwähnter Mischung ziemlich sehr absurde Folgen hat.
    Die debilen Fußballbonzen (so geht DFB richtig, finde ich) und ihre Knallchargen schaufeln sich nicht nur die eigenen Gräber, die sind hoffentlich so verblendet, dass sie erst auf sich selbst und dann dort auch noch reinfallen. Beckenbauer hat es vorgemacht, also: bitte nachmachen.

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