Die Industrialisierung des Sehens. Perspektiven auf den VAR

Der Videobeweis („VAR“), der seit der Saison 17/18 in der Bundesliga eingeführt wurde, ist keine Innovation. Ich habe nun über zwölf Monate benötigt, um herauszufinden, woher mein Unwohlsein mit dieser Verfahrungsneuerung rührt.

Ich habe lange gedacht, es liegt an der „verschobenen Ungerechtigkeit“, also dem Zustand, dass es vorher viele Unzufriedene gab und sich das mit der Einführung des VAR auch nicht geändert hat. Dann wäre der ganze Aufwand ja umsonst gewesen und als teilweise sehr fauler Mensch ist mir das zuwider. Ich mag keinen Aktionismus. Das ist aber hier nicht der Grund. Dann war als nächstes meine Vermutung, dass die teils stümperhafte Umsetzung der Verantwortlichen und die intransparente Anwendung dafür verantwortlich sind, dass ich mich nicht anfreunden mag. Doch das Handling der Videoanalyse ist bei der WM in Russland deutlich professioneller und fehlerfreier als in der DFL-Bundesliga, aber meine Zweifel sind geblieben.

„Der Videobeweis im Fußball dient der Vermeidung von Fehlentscheidungen während eines Fußballspiels. Der dazu eingesetzte Videoschiedsrichterassistent (Video Assistant Referee/VAR) ist ein Fußball-Linienrichter, der die Urteile des Hauptschiedsrichters mit dem Nutzen der sofortigen Wiederholung und einem Headset für Konversationen analysiert.“ (Wikipedia, 05.07.2018). Die DFL legt Wert darauf, dass der VAR „kein „Oberschiedsrichter““ sei, sondern „den unverändert vollständig mit der Spielleitung betrauten Unparteiischen als weiterer Assistent in dessen Team vor offensichtlichen Fehlentscheidungen bewahren“ soll. Weit gefehlt: Die wesentliche Neuerung des VARs ist eine, die genau das Gegenteil ermöglicht. Sie schafft eine für den Bereich des Profisports vollkommen neue Kontrollinstanz, die meiner Meinung nach einen tieferen Eingriff in den Fußballbetrieb darstellt, als andere Änderungen vorher.

Das zentrale Thema des französischen Kulturphilosophen Paul Virilio ist Geschwindigkeit. Virilios gedanklicher Versuch ist es, gesellschaftliche Entwicklung bis hin zur Evolution anhand der fortschreitenden Beschleunigung zu erzählen. Es geht ihm dabei weniger um die Frage, ob wir mehr Stress beim Arbeiten oder weniger Zeit für das Privatleben haben; nicht ein soziologischer „Work/Life-Balance“-Begriff steht bei ihm im Fokus. Sondern der Nachweis, wie bestimmte technische Entwicklungen das Verhältnis zum Realen verändern. Virilio misstraut dieser Entwicklung. Ein Beispiel: „In Zukunft dient die Beschleunigung weniger der mühelosen Fortbewegung (Intervall) als vielmehr dem Sehen, der mehr oder weniger klaren Wahrnehmung (Interface), wobei die „hohe Auflösung des Realen“ ausschließlich von der mehr oder weniger großen Übertragungsgeschwindigkeit der Erscheinungen und nicht mehr nur von der Transparenz der Atmosphäre oder der verschiedenen Materialien abhängt.“ (Rasender Stillstand. Essay. Hanser, München u. a. 1992). Auch das Verhältnis von Optik und Krieg interessiert ihn; er hat als junger Mann Bombardements französischer Städte erlebt und als militärischer Kartograf gearbeitet.                In diesem Essay weist er jedoch schon vor fast dreißig Jahren nach, dass unser Alltag in naher Zukunft im Wesentlichen durch das Betrachten von Monitoren geprägt sein wird. Die wenigsten werden anzweifeln, dass wir auf dem besten Wege dahin sind. Zurück zum VAR: Mein Unwohlsein gegenüber dieser Verfahrensänderung begründet sich auf dem sehr unkritischen Umgang mit Perspektive, Übertragung und Wahrnehmung. Was heißt das? In einem sehr „ursprünglichen“ Sinne war Fußball ein Vorgang, bei dem 22 Spieler(innen) einen Wettkampf austrugen. Manchmal (!) schauen zu Menschen zu, aber Fußball „funktioniert“ auch ohne Publikum (btw.: würde Profifußball ganz ohne Betrachter funktionieren?). Durch im Wesentlichen soziologische Entwicklungen hat sich der Sport so verändert, dass eine große Anzahl von Menschen sich das gerne „live“ „vor Ort“ ansieht. Das ist dann ein „Ereignis“, weil alle gleichzeitig an etwas teilhaben, dass es nur genau einmal gibt. Zum Thema: Entscheidungen, über auf dem Platz stattfindende, regel-relevante Tatbestände waren immer im herkömmlichen Sinne „Tatsachenentscheidungen“. Aus einer bestimmten Perspektive wahrgenommene Realität wurde (von allen) bewertet.  Die Realität des Schiedsrichters war maßgeblich. Unvergessen (es gibt dazu einen eigenen Artikel von mir) und ein sehr gutes Beispiel für die Wichtigkeit des Perspektivenbegriffs: Das Handspiel von Oliver Held gegen den FC Köln. Trotz der 70.000 unterschiedlichen Perspektiven bildete die gemeinsame Verständigung aller im Stadion einen eigenen Realitätsbegriff: Das, was wir gerade gesehen haben, ist „wahr“ (Ob wir es „wahrhaben“ wollen, ist ein anderes Kapitel und im Bereich des Fan-Seins existenziell). Diese Gemeinschaft der Perspektiven macht  – meiner Meinung nach – das Ereignis von Fußball aus.

Der „VAR“ bedeutet letztlich die Aufhebung davon. Der Videobeweis definiert ein Primat des Bildes gegenüber dem Realen und wie bei der Hifi-Technologie baut die hochauflösende Videotechnik das Reale nach; d. h. die Darstellung dessen, was wir nun sehen (im TV, auf dem Videowürfel) ist das Ergebnis einer sehr hohen Rechenleistung. Natürlich ist „Na, und?“ eine mögliche Reaktion. Das Fußballspiel auf dem Platz selber wird ja nur marginal anders (allerdings nimmt das schauspielerhafte Verhalten der Spieler und das stellvertretende Rollenverständnis der Schiedsrichter deutlich zu). Mich stört, dass die Abseitslinie, die zur Entscheidung herangezogen wird, eine Behauptung von Wenigen ist. Es ist ein digitales Produkt und dadurch kontrollierbar. Mir ist dabei vollkommen schnuppe, ob der Vorgang,  ob es in der Spielszene wirklich Abseits ist oder nicht und ich habe auch wenig Angst vor irgendwelchen korrupten Videoschiedsrichtern: Aber im Kern ist der Vorgang undemokratisch. Er versucht, das immanente Risiko der Realität (Spielfeld, Spielzeit) zu minimieren. Die Perspektive auf das Reale wird dem Zuschauer dadurch genommen, sie wird abstrahiert und berechnet. Virilio nennt das in diesem Zusammenhang die „…Industrialisierung des Sehens, dieser realzeitlichen radio-elektrischen Aufnahmen, die dazu in der Lage sind, eines Tages die Betrachtung der Umwelt zu ersetzen oder sogar zu verdrängen.“

Wichtiger, weil zeitgemäßer, aufklärerischer und demokratischer wäre meines Erachtens nach nicht die technische Aufrüstung voranzutreiben, sondern den Umgang mit „Fehl“-entscheidungen zu erlernen. Wirklich innovativ wäre, z. B. das Handspiel durch die Spieler selbst entscheiden zu lassen. Das würde die Sportler weniger zu hochbezahlten und kickenden Rennpferden verkommen lassen, als ihnen wieder eine verantwortliche Rolle zukommen lassen: Zu Vorbildern an sozialer Kompetenz. Kommunikation würde wichtig werden. Wirklich innovativ wäre zu hinterfragen, warum wir (Team, Zuschauer, Verein) nicht mit den „Fehl“-entscheidungen leben können und was wir wirklich in den Profifußball hinein definieren. „Sich selbst“ (auf dem Platz) zu vertrauen, wäre für mich ein wirklich demokratischer Akt.

 

Christian

Christian

Nach der aktiven Karriere (Champions League-Teilnahme mit den Schäl Sick Rastellis) erfolgloser Demotivationstrainer an ostdeutschen Theatern. Jetzt Vertreter (u. a. von gebrauchten Interessen). Windows 98-Experte. Vater. Genosse. Ostfriese. Schalker. Kommunen-Koch.
Christian

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