„Schalke ist immer noch ein unglaublicher Pol!“ Ein Interview mit einem Zeitzeugen der letzten Meisterschaft.

1958 gehen in der Kubanischen Revolution die Rebellen in die Offensive. In Frankreich kommt Charles de Gaulle an die Macht. In der DDR werden die Lebensmittelkarten abgeschafft. Der FC Schalke 04 e. V. wird bis heute das letzte Mal deutscher Meister. Bald jährt sich das zum 60sten Mal. Ich habe das Glück und Vergnügen gehabt, mich im Februar diesen Jahres in einem Berliner Hotel mit Richard Abel unterhalten zu können. Er ist als junger Mann dabei gewesen, in Hannover beim Endspiel gegen den HSV und lässt uns an der einen oder anderen Anekdote aus der Schalker-Zeit Teil haben. Vieles davon kann man sich so heute nicht mehr vorstellen und mir wird beim Gespräch klar, was das heißt: Mehr als 60 Jahre Schalker sein. Den kann so leicht wohl nichts mehr schocken und trotzdem hinterlässt Richard Abel den Eindruck, als sei er mit dem Herzen noch voll dabei. Seine Erzählungen sagen auch viel über die Perspektive der Erinnerung aus: Worauf legen wir Wert, wenn wir uns erinnern? Ich finde interessant, dass Richard Abel vor allem solche Aspekte aus der Zeit erinnert, die heute im Zusammenhang mit Profifußball wieder stark und emotional diskutiert werden: Es scheint mehr um die persönliche Bindung zu Spielern und Verein zu gehen, als um Titel oder schöne Spielzüge.

Torhagelblau: Am 18.05.1958 ist der FC Schalke das letzte Mal deutscher Meister geworden. Sie, Herr Abel, sind damals dabei gewesen. Wie sind Sie eigentlich damals Schalke-Fan geworden? Sie haben doch in Köln gelebt?

Richard Abel: Nein, ich bin aus der Eifel!

Aber da wird man in den 1950er Jahren auch nicht typischerweise Schalke-Fan.

Das ist richtig. Als ich sieben Jahre alt war hat mir mein ältester Bruder – ich hatte mehrere Brüder – das erste Souvenir von einem Schalkespiel mitgebracht. Da fing meine Sympathie für Schalke an.

Ist es schwer gewesen in der Eifel Schalkefan zu sein? Gab es Rivalitäten?

Nein. Denn Köln war ja noch weit weg. Und auf dem Dorf war das so, dass man Samstags oder Sonntags nur Radio gehört hat. Das war absolut kein Problem.

Und sind sie auch mal nach Gelsenkirchen gefahren?

In der Zeit noch nicht – später schon! Dann sind wir nach Köln gezogen. Da habe ich auf der Arbeit Freunde kennen gelernt, die fuhren eben jedes Heimspiel nach Schalke. Der letzte von denen ist erst neulich verstorben. Wir hatten eine richtige Clique, die regelmäßig zu Heimspielen fuhr.

Können Sie sich an den 18.05. noch gut erinnern?

Ja, nun. Das Spiel war ja in Hannover. Aber die Euphorie war so groß, dass ich mitfahren konnte. Ich hatte natürlich nicht viel Geld, aber ich brauchte kein Benzingeld zu bezahlen. An die Umstände, also wie wir das hingekommen sind, daran kann ich mich aber nicht mehr gut erinnern.

Wissen Sie noch, wie teuer eine Eintrittskarte damals war?

Nein.

Wie alt waren Sie 1958?

1958? Da war ich 19! Gerade 19 geworden.

Können Sie uns erzählen, wie das Spiel selber an dem Tag gelaufen ist?

Da waren ja 70.000 oder 80.000 Zuschauer. Wir waren fasziniert von der Menge! Aber so viel habe ich von dem Drumherum gar nicht mitgekriegt. Aber das Spiel? Bernie Klodt war das Aushängeschild der Mannschaft gewesen. Man kannte ja viele Spieler. Aber Bernie Klodt kannten wir, weil wir bei ihm immer noch nach jedem Spiel in seiner Gaststätte unsere Eintrittskarten bekommen haben. Wir sind Samstags hin zum Heimspiel und haben dann schon wieder vorbezahlt für das nächste Heimspiel. Ohne Quittung, ohne alles. Und vor dem nächsten Heimspiel haben wir die Karten einfach abgeholt. So ging das!

Ich lese ihnen mal die Mannschaftsaufstellung von damals vor: Manfred Orzessek – Helmut Sadlowski, Günter Brocker – Otto Laszig – Günter Karnhof, Karl Borutta – Heiner Kördell, Manfred Kreuz – Günter Siebert, Willi Koslowski, Berni Klodt. Wissen Sie noch, wer der Trainer war?

Ja, das war ein Österreicher…

Eddi Frühwirth! Und wissen Sie noch, wer beim HSV gespielt hat?

Ich bin mir ziemlich sicher, dass der Posipal dabei war. Also da bin ich fast sicher. Aber sonst? War das auch der Charly Dörfel dabei?

Nein, aber Uwe Seeler!

Ach, und der Dörfel nicht? Der hat doch fast immer gespielt.

Wohl nicht. Aber trotzdem renommiert besetzte Teams. Das Ergebnis (3:0) war ja relativ
eindeutig? Wie ist das Spiel gelaufen? War es spannend?

Also wenn man das nach 60 Jahren vergleicht, war es ja ein ziemlich gemütliches Spiel. Nur der Bernie Klodt war ja ein Flitzer. Und die hatte ja ein paar Granaten drin: Der Manni Kreuz hatte einen Bombenschuß, und der Laszig. Und vor allem der Siebert, der war ein ganz gefährlicher Stürmer. Den habe ich später, als der schon Präsident war, in seiner Kneipe kennen gelernt. Der Siebert hatte ja den Clou gemacht, der hatte einen Österreicher Pirkner verpflichtet. Auf Rechtsaußen. Und die haben gegen Gladbach gespielt. Gleich das erste Spiel. Da waren wir auch wie immer dabei. Und der hat den Bertie Vogts so zu Minna gemacht. Der war ja „der Beißer“. Und das hat Schalke auch
gewonnen das Spiel. Und nachher bin ich, wie immer, in sein Lokal rein, und da lief der Siebert schon rum. Wir waren da zu sechst. Und der Siebert, der war mit allen am Reden. Aber ich dachte: „Der Blödi, der könnte ja auch mal zu uns kommen. Immerhin kommen wir hier immer hin!“ Aber dann musste der auf’s Pissoir, und da bin ich hinterher. Als wir so nebeneinander stehen, habe ich den angesprochen. Ich war ja noch jung! „Wir kommen jedes Heimspiel hier hin, da können sie sich ruhig mal mit uns unterhalten.“ Hat er gesagt: „Ja, wo sitzt ihr denn?“ Und dann ist er auch zu uns gekommen. Das war halt so. Da standen die Spieler noch am Tresen nach dem Spiel. Der Koslowski zum Beispiel. Ich habe damals sogar eine Nadel geschenkt bekommen. Früher war das so. Und der Willy Schulz, der hat ja auch lange gespielt. Dessen Eltern hatten in Wattenscheid eine Kneipe. Da
sind wir nach Wattenscheid gefahren und haben da solange gewartet, bis das der Schulz nach Hause kam.

Zurück zum Spiel. Was ist nach dem Abpfiff passiert?

Nicht viel. Das bisschen Geld, was wir hatten, hat gerade für eine Wurst auf der Autobahn
gereicht. Wir sind schon nach Gelsenkirchen gefahren. Aber viel passiert ist da nicht.

Was sind denn für Sie die gravierendsten Unterschiede zwischen dem Fußball 1958 und dem Fußball 2018?

Einwandfrei die Athletik. Also auf dem Feld, die Athletik. Und nebenbei: Das man nicht mehr an die Spieler rankommt. Die haben bestimmt ihre Freunde. Aber das normale Publikum kommt nicht mehr an die Spieler dran. Also ich kenne Spieler vom FC, den Wolfgang Weber und den Bernd Cullmann, mit denen habe ich im Tennisclub gespielt. Bei dem habe ich mir sogar einen Achillessehnenriss geholt. Aber heute? Die normalen Leute kommen nicht mehr an die Spieler dran. Der Bernie Klodt hatte ja die Wirtschaft am Schalker Markt. Und in der Glückauf-Kampfbahn, da sind wir nach den Spielen hin, da standen die halt da: Der Koslowski und so. Die haben uns ins Bier gespuckt! Und der Laszig und der Kreuz, das waren körperlich richtige Bomber! So schossen die auch.
Heute? Das sind ja manchmal richtige Figürchen.

Fahren Sie heute noch nach Schalke zum Fußball?

Nein, das geht leider nicht mehr. Meine Frau hatte mir vor Jahren mal eine Reise geschenkt, mit Übernachtung und Tickets. Aber ich sehe nicht mehr gut. Die Akustik und das ganze Flair kriege ich noch mit. Aber mehr nicht.

Wie beurteilen Sie die Situation des FC Schalke heute, genau 60 Jahre danach?

Man muss viel Leiden gewöhnt sein. Es geht zu viel Auf und Ab. Das Wochenende ist immer gut, wenn sie gewinnen. Aber man muss auch einschätzen können, gegen wen sie gewinnen können und gegen wen nicht. Es ist noch keine Stabilität da. Mein Herz geht nach wie vor hoch, aber ich bin etwas ruhiger geworden.

Gibt es etwas, dass sich über die 60 Jahre nicht verändert hat?

Es ist vor allem für die Menschen gleich geblieben. Schalke ist immer noch ein unglaublicher Pol! Aber sie müssen leidensfähig sein. In Köln ist das anders. Wenn die gewinnen, sind die gleich im Europacup und im nächsten Spiel steigen sie wieder gleich ab. Das Schalker Publikum kann das besser einschätzen. Mittlerweile haben wir in Köln als Schalker ja viel zu ertragen. Ich meine, man kann ja nicht erwarten, dass hier nur Schalker wohnen! Aber das Schöne ist, dass man sich immer gut wehren kann. Ich gehe gerne in Feindesland mit dem Namen „Schalke“.

Mutig!

(lacht)

Gibt es etwas, dass Sie Herrn Tedesco oder Herrn Heidel raten würden?

Ja. Ich meine, man kann nicht immer alle Spieler ewig verpflichten. Aber das sie Spieler verlieren und dafür nichts kriegen. Da kann der Tedesco nix für! Hätten wir den Goretzka halten können? Man weiß ja nicht vorher, ob das ein Star wird. Und der Heidel, der macht die Sache gut, denke ich. Man hat ja schon andere gesehen.

Und haben Sie noch einen Wunsch, den der FC Schalke erfüllen kann?

Ja, genau wie damals mit dem Assauer: Noch einmal einen Titel gewinnen. Das wäre schön!

Vielleicht dieses Jahr den Pokal?
Gegen Frankfurt wird es sicher schwer. Aber die Chance ist dieses Jahr da! In einem Spiel kann man später im Finale auch gegen Bayern bestehen.

Herr Abel, herzlichen Dank!

Richard Abel
Richard Abel
Christian

Christian

Nach der aktiven Karriere (Champions League-Teilnahme mit den Schäl Sick Rastellis) erfolgloser Demotivationstrainer an ostdeutschen Theatern. Jetzt Vertreter (u. a. von gebrauchten Interessen). Windows 98-Experte. Vater. Genosse. Ostfriese. Schalker. Kommunen-Koch.
Christian

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