Aktuelle Baustellen an der A2

Die Saison 2017/18 strebt auf ihren Höhepunkt zu. Sollte der S04 nicht den miesesten Endspurt der Vereinsgeschichte spielen, wird das Team im nächsten Jahr wieder international spielen. Nach den finanziellen Verlusten in diesem Jahr scheint das auch dringend nötig. Für ein sportliches Fazit ist es sicher noch zu früh, aber schon jetzt kristallisieren sich einige Baustellen heraus, die über den Sommer, in der Vorbereitung sowie in der nächsten Saison bearbeitet werden müssen.

Domenico Tedesco lebt gerne die „Aufgabenorientierung“ vor: Darunter versteht er, dass Probleme versachlicht und in lösbare Teilprobleme zerlegt werden. So nimmt er (den Spielern) die Angst vor Herausforderungen, deren Lösung auf den ersten Blick oft sehr aufwändig aussieht und schafft es somit, nachhaltige Veränderungen auch in komplexen Systemen anzustoßen. Ganz in diesem Sinne versuche ich daher, die Meta- und Mega-Herausforderung „wie bekomme ich nationale und internationale Wettbewerbe unter einen Hut und entwickle gleichzeitig das Team sportlich weiter ohne viel Geld auszugeben?“ in kleinere Teilaspekte zu zerlegen. Vielleicht werden ja Lösungsansätze erkennbar.

Der Kader

Unser Kader ist um fast 25% kleiner, als die der größten in der Liga. Vor dem Hintergrund der höheren Belastung durch mehr Spiele sollte man annehmen, dass Kadervergrößerung eine Maßnahme mit hoher Priorität sein sollte. Interessanterweise sind die Mannschaften mit großen Kadern aber nicht zwangsläufig die, die oben in der Tabelle stehen. Die Teams mit zusätzlicher internationaler Belastung in diesem Jahr haben nur unwesentlich mehr oder sogar weniger Spieler im Kader. Die Gleichung „Mehr Spiele = mehr Spieler“ scheint also nicht unbedingt richtig zu sein. Eventuell spielen eine kluge Trainingssteuerung und gesunderhaltende Faktoren wie eine gute Atmosphäre eine größere Rolle als regelmäßige Rotation. In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an ein Interview (in: „11 Freunde“) mit Christian Fuchs aus dem Jahr, in dem er mit Leicester Meister wurde. Er sagte sinngemäß (!): In Deutschland wird zu viel trainiert. Wir spielen viel mehr und trainieren quasi während des Spiels. Das wichtigste in der Meistersaison war es, dass wir als Team funktioniert haben und Spaß hatten.

Nichtsdestotrotz kehren am Saisonende sieben Spieler zurück: Höwedes, Geis, Coke, Hemmerich, Avdijaj, Reese, Wright. Die wollen reintegriert oder zumindest gemanaged werden. Aber: Bei den wenigsten der Kandidaten scheint es derzeit eine positive Perspektive zu geben. Vor allem brisant ist die Personalie Benni Höwedes. Das Thema hat Potential, der Nachfolger-Aufreger für „Geht Goretzka zu Bayern?“ und „Bleibt Meyer?“ zu werden. Zum Glück ist WM.

 

Personelle Ausstattung der Defensive

Ich sag‘ mal unreflektiert, wie ich es die ganze Saison empfinde: Gefühlt haben wir zwei Innenverteidiger. Naldo und Nastasic. Alle anderen sind für mich Wackelkandidaten. Es ist für mich die Glanzleistung der Saison, dass Tedesco aus den vorhandenen Mitteln eine der besten Defensiven der Liga geformt hat. Denn die anderen sind entweder schludrig (Kehrer), gehören da eigentlich nicht hin (Stambouli) oder sind noch nicht spielfähig (Insua). Mir graut vor dem Tag, an dem Naldo ein Wehwehchen oder fünf Gelbe Karten hat. Mir ist derzeit nicht klar, wie diese Achse in der kommenden Spielzeit aussehen könnte, weil eine Reihe von Fragen offen sind. Dabei ist die Innenverteidigung so etwas wie die Rhythmusgruppe der Mannschaft: Hier muss der Groove stimmen, und alle anderen müssen sich auf das Timing und die Funktionalität verlassen können. Keine Offensive: Mist! Aber keine Defensive: Weltuntergang! Naldo und Nastasic sind derzeit ein sauber eingegroovtes Uhrwerk, unaufgeregt, solide, zuverlässig. Zusätzlich nimmt die Hierarchie auf dem Platz bei Naldo seinen Anfang. Er ist Kapitän ohne Binde. Alle Eingriffe in diese Mechanik und die Integration von Neuen/m müssen Bedacht ausgeführt werden, wenn es so gut werden soll, wie dieses Jahr.

 

Spieleröffnung: Diagonal, Vertikal, voll egal?

Wenn es mir ganz besonders mies geht, schaue ich die Bayern an. Irgendein ein CL-Spiel am Mittwoch auf dem Sofa mit Schokolade und alkoholfreiem Bier. Das ist dann der Tiefpunkt der Laune, danach geht es immer wieder aufwärts. Was mir beim Bayern-Gucken immer auffällt ist der offensive Ansatz, den die draufhaben. Der ähnelt übrigens dem, den die Zecken unter Tuchel erfolgreich etabliert hatten. Im Kern geht es darum, mit sicherem Kurzpassspiel die Außenverteidiger und mindestens einen Sechser des Gegners auf einer Seite zu binden. Danach werden mit teilweise mehrfachen Diagonalwechseln im Zick-Zack-Verfahren die Innenverteidigung und der Rest der Defensive auseinander genommen. Ein gutes Beispiel für das mehrfache Zick-Zack ist das zweite (Eigen-)Tor gegen Sevilla oder auch das erste Tor der Bayern gegen uns. Diese oder andere Automatismen gehen uns derzeit völlig ab. Der Vorwurf wir seien ein „schlechter Zweiter“ (Stand Anfang April) basiert ja im Wesentlichen auf der Wahrnehmung der Zuschauer, dass unsere Tore Zufallsprodukte seien. Ich kann das auch nicht ganz entkräften. Auch wenn Tedesco  einen anderen, eher vertikalen Ansatz verfolgt (mehrfach nachzulesen bei Karsten): Erfolgreich etabliert ist das noch nicht oder klappt zumindest zu selten. Tedesco nennt in diesem Zusammenhang immer gern den „Mut“, der oft fehle. Pikant: Wenn einem als (derzeit) Tabellenzweiter der Mut für einen öffnenden Pass fehlt, scheint der belastende Druck immer noch wahnsinnig hoch zu sein. Warum eigentlich?

Egal ob vertikal oder horizontal oder Zick-Zack oder Einen-fallen-lassen: Alle Systeme werden heutzutage vom Gegner blitzschnell entschlüsselt. In den Kellern der Trainingscenter sitzen Horden trauriger Sportstudenten im Praktikum und analysieren tagelang im Auftrag der Cheftrainer die Spielzüge des übernächsten Gegners. Ca. ein Siebtel des Vereinsbudgets geht pro Saison drauf, um von findigen Maklern Spiel- und Taktikdaten zu kaufen. Die Konsequenz: Die Halbwertzeit taktischer Varianten ist oft so lang, wie es dauert dieses Wort zu schreiben. Worauf kommt es also an, wenn überlegene Taktik kein Erfolgsfaktor mehr ist? Eigentlich erinnert mich die derzeitige Situation auf den meisten Spielfeldern an die Situation in meiner Jugend: Es gab drei Dreier-Ketten mit Manndeckung und einen freien Mann. Gewonnen hat, wer die besseren Spieler hatte (sprich: die Bayern). Besser im Sinne von: Besser am Ball oder schneller. Wer also den Gegner mit oder ohne Ball überlaufen konnte. Genau hier liegt derzeit unser Manko. Damit komme ich zu meinem letzten Punkt, den

 

Anforderungen an den Nachwuchs, ergo:  Knappenschmiede

Schalke hat jahrelang sehr davon profitiert, Stammspieler aus der eigenen Jugend zu rekrutieren. Das ist nicht nur vergleichsweise günstig und risikoärmer als Einkäufe, sondern birgt auch die Chance, genau die Fertigkeiten in der Ausbildung zu vermitteln, die der Cheftrainer benötigt. Hinzu kommt, dass solche Spieler enorm wichtig für die Bindung der Zuschauer an den Verein sind. Das Stichwort ist Identifikation. Dieser Prozess scheint ins Stocken geraten. Will der Verein von dieser Strategie abrücken? Ist es nur Zufall, dass momentan keiner da ist und die Phänomene der letzten Jahre waren nur statistische Ausreißer? Was das Team kurzfristig benötigt, sind technisch starke Fußballer (aka: Max Meyer). Ich gehe davon aus, dass die Taktikschulung der Knappenschmiede professionell und auf dem neuesten Stand ist. Aber das Verhalten mit dem Ball unter Druck ist es derzeit Team nicht. Daran hapert derzeit der gesamte kreative Spielaufbau, wenn es darum geht, saubere Pässe zu spielen, Bälle auf engem Raum zu verarbeiten, ein 1-gegen-1 zu gewinnen. Mehr Fußballspielen.

Weisste Bescheid. Glück auf. Gutes Derby. Kein Fußbreit den Schwarz-Gelben.

Christian

Christian

Nach der aktiven Karriere (Champions League-Teilnahme mit den Schäl Sick Rastellis) erfolgloser Demotivationstrainer an ostdeutschen Theatern. Jetzt Vertreter (u. a. von gebrauchten Interessen). Windows 98-Experte. Vater. Genosse. Ostfriese. Schalker. Kommunen-Koch.
Christian

6 Kommentare zu “Aktuelle Baustellen an der A2

  1. Deinen letzten Punkt verstehe ich nicht.

    Mit McKennie spielt doch ein Knappenschmiedenabsolvent des letzten Jahres eine gute Rolle im aktuellen Team (17 Ligaeinsätze). Aus den Jahrgängen davor kam auch nur immer ein Spieler durch (zuletzt Kehrer und Meyer), viel mehr kann mMn auch nicht erwarten.
    Vielleicht hat ja auch noch einer der verliehenen – Avdijaj, Hemmerich, Reese und Wright – einen Entwicklungssprung vor sich. (Bei der U23 kenn ich mich leider gar nicht aus, aber Kolasinac hatte damals auch sein erstes Profijahr dort verbracht.)
    Mit Kutucu hat der erste jetztige U19 Spieler auch schon einen Profivertrag bis 2020 bekommen. (Er kann bis Sommer 2019 aber auch noch U19 weiterspielen.)

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    1. McKennie hat ja keine Jugend auf Schalke durchlaufen. Bei Meyer gebe ich Dir Recht (s.o.), Kehrer ist technisch betrachtet ein Fiasko.

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      1. McKennie war ein Jahr hier. Genau wie Özil. Und jetzt sag mir bitte nicht, dass der auch kein Schalker ist!
        Und Kehrer ist beim besten Willen kein Fiasko! Ich halte ihn für einen überdurchschnittlich begabten Innenverteidiger, besonders am Ball. Spielverlagerung hält ihn sogar für einen der Spieler(-typen) der Zukunft (https://spielverlagerung.de/2017/12/11/thilo-kehrer).
        Der Junge ist halt vor Allem erst 21. Gerade auf seiner Position macht sich mangelnde Erfahrung bemerkbar. Aber daran wird ja gerade gearbeitet…

        Was aus dem „Muster“ fällt, ist der 97er Jahrgang, die sind immerhin als Jungjahrgang Meister geworden (2015 gegen Hoffenheim unter einem gewissen Nagelsmann). Da wäre nur Reese, der eventuell noch bei uns zum Bundesligaspieler wird…

      1. Hallo Phipser, vielen Dank für dein Feedback. Mir geht es nicht um eine Ideologiedebatte, wer richtiger Schalker sei und wer nicht. Mein Argument ist: Das Team hat in den letzten Jahren erheblich davon profitiert, dass starke Spieler aus der eigenen Jugend ins erste Team integriert wurden. „Stark“ iSd Fähigkeiten, die gerade benötigt wurden. Nun benötigen wir spielstarken Nachwuchs aus den eigenen Reihen. Denn a) die anderen sind hier besser (also bei Ballbehandlung etc. s. o.) und b) Nachwuchs ist günstig. Derzeit gibt es aber keinen erkennbaren Ersatz für Meyer und Goretzka. Neues Argument: Ich finde auch, dass Kehrer Talent hat. Er ist aber unbeständig (darf er sein), oft unkonzentriert und fehleranfällig (darf er nicht sein).

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