„Seine Ungeduld bedeutet Wucht!“ Ein Interview mit Sportpsychologe Dr. Gatzmaga zum „Fall Breel Embolo“

Lothar Matthäus spricht dieser Tage Per Mertesacker die Fähigkeit ab, ein Nachwuchsteam zu trainieren. Warum? Weil sich dieser kritisch mit dem Phänomen „Druck“ im Profifußball auseinandersetzt. Alte Denke gegen neue Nachdenklichkeit? Vielleicht sind jedoch Mertesackers Anmerkungen auch nur Ausdruck einer Suche nach maximaler Produktivität in einem Beruf, dessen Zugriff auf Körper und Seele der Angestellten immer früher beginnt und immer kürzer und heftiger ist: Seht her, wir sind am Limit!  In jedem Fall scheint sich im (Profi-)Fußball aber jetzt (sehr langsam) die Erkenntnis durchzusetzen, dass so ein Spieler nicht nur aus Beinen mit teuren Schuhen und einem zu tättowierenden Bizeps besteht. Im Zusammenhang mit der schweren Verletzung von Breel Embolo habe ich mich zu Beginn dieser Saison gefragt, wie es wohl in einem Spieler wie Breel aussieht und wie Verein und Umfeld mit so einer Krisensituation konstruktiv umgehen können. Dazu habe ich mich mit dem Sportpsychologen Dr. Gamatzka unterhalten.

Torhagelblau: Herzlichen Dank, dass Sie sich Zeit für uns nehmen, Herr Gatzmaga. Ich möchte mit Ihnen über Breel Embolo sprechen, seine Leidensgeschichte der letzten anderthalb Jahre ist Ihnen sicher bekannt. Er kam als bisher teuerster Einkauf zum FC Schalke 04 und wurde schon am siebten Spieltag seiner ersten Saison sehr schwer verletzt: eine komplizierte Fraktur des Sprunggelenks und einen Wadenbeinbruch. Erst seit kurzer Zeit steht Breel für uns wieder auf dem Platz. Was kann ein Verein in dieser Situation richtig machen, wenn das Ziel verfolgt wird, einen so jungen Spieler wie Breel körperlich wieder fit zu bekommen und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass er seinen Beruf lange mit Spaß ausführen kann?

Dr. Gatzmaga: Interessanterweise gab es ja in dieser Woche einen Artikel über Embolo im „Kicker“. Dort gibt der Spieler selber Einblicke in seine psychologische Situation. Sehr spannend! Da lässt sich auch zwischen den Zeilen gut herauslesen, was der Verein in dieser Zeit wohl richtig gemacht hat. Insbesondere der Kontakt zum Cheftrainer Tedesco in vielen Einzelgesprächen. Das Thema „Geduld“ wird hier erwähnt. Insgesamt muss man wissen, dass bei solchen Verletzungspausen die Rückkehr sehr langwierig und in verschiedenen Phasen verlaufen kann: Zuerst kommt natürlich die Diagnose, verbunden mit einer Prognose, wie lange der Heilungsprozess wohl dauert. Hier wird darauf geachtet, keine falschen Hoffnungen zu wecken. So ein Heilungsprozess ist individuell und kann ein Zeitfenster „von/bis“ sein. An diesem Punkt muss man auch die Frage nach realistischen und spezifischen (Zwischen-)Zielen stellen. Was ist das nächste Ziel? Komplette 90 Minuten auf dem Platz? Oder erstmal die Rückkehr ins Mannschaftstraining? Psychologisch ist die erste Phase eine Schockphase für die Spieler, in der sie die Diagnose nicht wahrhaben wollen und es ihnen schwer fällt, es zu akzeptieren. Danach, in Phase 2, die Reha. Der Spieler führt jetzt vereinsintern ein Eigenleben gemeinsam mit den Spezialisten. Großes Thema: Geduld. Breel hat im „Kicker“-Interview ja seinen großen „Reha-Eifer“ selber angesprochen.

Sind Sie – als Psychologe  – in vergleichbare Fällen in dieser Phase beteiligt?

Lose. Es gäbe sicher Zwischenstandsgespräche mit dem Spieler alle zwei Wochen, in denen ich seine aktuelle Stimmung und Motivation abklopfen und nach unterstützenden bzw. störenden externen Faktoren schauen würde. Hat der Spieler genügend Unterstützung oder fühlt er sich eher alleine gelassen? Idealerweise gibt es in dieser Zeit auch regelmäßige Treffen zwischen Cheftrainer, den Spezialisten und dem Spieler, um den Status auszutauschen. Wichtig aus psychologischer Sicht ist es jetzt, eine positive Grundhaltung herbeizuführen. Der Fortschritt der Reha-Maßnahmen muss betont und sichtbar werden. Bei Embolo ist wegen des Knies sicher ein Anti-Schwerkraft Laufband zum Einsatz gekommen, wo man mit Druckentlastung von Woche zu Woche gute Verbesserungen hinbekommen kann.

Und dann?

Nach der Reha-Phase kommt dann die Integrationsphase. Wobei das feiner unterteilt ist. Zuerst kommt die Zeit, da macht man nur Läufe draußen, ohne Ball. Zweite Stufe könnten erste einfache Passübungen mit dem Reha- oder Athletiktrainer sein. In der letzten Stufe, dem Mannschaftstraining, wird Embolo eventuell erst mit einfachen Passübungen integriert, z.B. als Wandspieler. Erst danach wird überlegt, ihn wieder in die Übungen zu integrieren, wo „es zur Sache geht“.

Wie weit verbreitet ist der Einsatz von Sportpsychologen denn in der Bundesliga? Wie hat sich der Umgang mit solchen Situationen denn in den letzten Jahren verändert?

Eigentlich etabliert sich das gerade erst. Bei den Profis ist das insgesamt noch gar nicht so ausgeprägt. In den letzten fünf, sechs Jahren hat sich eher im Nachwuchsbereich flächendeckend etwas entwickelt. Der Schwerpunkte liegen da in Förderung der persönlichen und sportlichen Entwicklung der jungen Talente aus psychologischer Sicht. Es geht also darum, Spieler, Mannschaft, Trainer persönlich zu begleiten. Da die Psychologie aber so viele Schnittstellen in andere Bereiche hat, sind natürlich auch verletzte Spieler ein Thema für uns. Eigene Motivation, Geduld, Fleiß, Selbstvertrauen, das System drum herum sind wichtige Aspekte, die wir im Auge haben. Der Kontakt des Trainers zum Spieler kann ich da nur immer wieder nennen. Damit der Spieler das Gefühl hat, er spielt noch eine Rolle.

Dieser Kontakt ist Ihnen scheinbar sehr wichtig!

Ja, denn ich weiß, wie die Spieler ticken. Die wollen natürlich wieder spielen und nicht auf dem Abstellgleis landen.

Gibt es andere fördernde Faktoren, die den Heilungsprozess unterstützen?

Gute Frage! Zum Beispiel das soziale Umfeld: Wie da der Zuspruch von Familie und Freunden ist. Damit der Patient auch mal abschalten kann. Und spezifisch sportpsychologisch arbeiten wir sehr gerne mit mentalem Training. Er kann sich zwar noch nicht körperlich auf dem Platz bewegen, aber in seiner Vorstellungskraft und Fantasie. Mit Visualisierungstechniken versuchen wir ihm oder ihr die Selbstwirksamkeit zurück zu geben. Er soll sich vorstellen, auf dem Platz mit 100% zu agieren. Es gibt Studien, die belegen, dass es die Sportler subjektiv stärker und selbstbewusster macht. Das kann auch verhindern, dass bei vollständiger Genesung des Körpers die Spieler trotzdem zaudern und Angst vor einer Wiederverletzung haben.

Für uns Fans schien es von außen, dass insbesondere die Phase des Saisonbeginns für Breel sehr kritisch war. Er kam weder in der ersten noch in der zweiten Mannschaft so auf die Beine, wie es der Laie erwartet hat. Ist das insbesondere für einen so jungen Menschen eine Krisensituation, weil Existenzielles auf dem Spiel steht?

Ich würde das geringe Alter eher positiv bewerten wollen. Er kann da mit einer gewissen Unbekümmertheit reingehen: Er muss niemanden mit seiner Arbeit ernähren, er ist finanziell abgesichert etc. Natürlich sollte man die Risiken der Situation auch mal ansprechen. Fakt ist aber, dass jüngere Körper solche Verletzungen auch besser wegstecken. Ein 30-jähriger mit seiner dritten schweren Knieverletzung kommt da wahrscheinlich eher ins Grübeln.

Man sagt ja nicht umsonst, in dem Alter ist man „schmerzfrei“. Aber fehlt einem jungen Menschen mental und psychologisch nicht das Rüstzeug für eine solche Situation?

Ich glaube, das ist eher eine Typfrage. Ganz einfach gesprochen gibt eher den Typ „Grübler“ und auf der anderen Seite den Typ „Macher“. Der Grübler braucht natürlich mehr Begleitung um die Zweifel abzulegen. Positives Denken lernen! Dafür braucht es eine psychologische Strategie. Embolo schätze ich nicht so ein. Ihn musste Tedesco eventuell eher ein bisschen bremsen.

Mir ist zum Beispiel aufgefallen, dass er in seinen ersten Einsätzen in jedem Spiel eine gelbe Karte bekommen hat; als Stürmer ist das eher ungewöhnlich. Er war aufbrausend, hat gemeckert etc. und stand gefühlt einige Male vor dem Platzverweis. Das stützt ihre Einschätzung.

Er scheint Impulsmensch zu sein. Man kann die Gefahr der zweiten gelben Karte sehen. Im „Kicker“-Interview sagt er aber sehr schön: „Meine Wucht ist meine Stärke!“ Das kann zwar ins Auge gehen, kann aber auch eine brutale Stärke sein: Zweikämpfe gewinnen und Spiele zu entscheiden.

Als Fan will ich, dass elf Leute auf dem Platz stehen….

Das kann ich verstehen! Ich bin ja selber auch Fan. (lacht) Aber als betreuender Psychologe kann so ein Platzverweis auch heißen: So lieber Spieler. Da hast Du jetzt eine schöne Lernaufgabe. In der U17 z. B. ist es halt noch Ausbildungsfußball, da gehört eine rote Karte auch mal dazu.

Gehen wir eigentlich alle davon aus, dass Breel Embolo körperlich wieder zu 100% leistungsfähig wird?

Ja. Wir müssen aber immer differenzieren: Ein 90-minütiger Einsatz bedeutet nicht 100%-ige Fitness. Diesen Denkfehler machen die meisten. Die gewisse Wettkampfhärte ergibt sich erst nach fünf, sechs Spielen. Dann ist er voll im Saft.

Kommunizieren Sie mit der Kollegin aus Gelsenkirchen, dem Kollegen aus München oder Hannover?

Im Nachwuchsbereich, ja! Da gibt es enge Netzwerke, viel kollegialer Austausch. Wir sind da sehr kontaktfreudig. Die Branche ist ja auch, was den Profifußball angeht, zahlenmäßig überschaubar.

Was fanden Sie bei der ganzen Geschichte um Breel Embolo letztlich bemerkenswert?

Das enge Verhältnis zwischen Schalke, Tedesco und dem Spieler, das ist mir schon positiv aufgefallen. Dass sie ihn in seiner Ungeduld sehr gut gebremst haben. Ist vielleicht kein Wunder beim teuersten Einkauf der Vereinsgeschichte! (lacht) Der hat eine solche Qualität, der kann Ihnen jetzt beim Kampf um die Championsleagueplätze noch richtig helfen. Und, was ich positiv finde: Das er es geschafft hat, seine Ungeduld in einen positiven Reha-Eifer umzuwidmen. Das er weiß, diese Ungeduld bedeutet auf dem Platz einfach Wucht! Das ist eine Stärke, mit der er dem Gegner richtig weh tun kann.

Mit dem sehr schönen und passenden Begriff „Wucht“ möchte ich das Gespräch von meiner Seite beenden, Herr Gatzmaga. Herzlichen Dank im Namen von Torhagelblau. Ihnen und ihrem Team noch einen guten Saisonverlauf!

Vielen Dank!

Zur Person

Dr. Nils Gatzmaga ist Doktor der Sportpsychologie und hat in der Vergangenheit für die Nachwuchsbereiche u. a. von Bayer Leverkusen, SC Paderborn und Arminia Bielefeld gearbeitet. Derzeit arbeitet er als Sportpsychologe in einem Nachwuchsleistungszentrum eines Fußball-Bundesligisten. Mit einem Partner leitet er darüber hinaus das Beratungsunternehmen „mindworks“ und hat in der Vergangenheit den Blog www.psychologie-fussball.de herausgegeben.

Christian

Christian

Nach der aktiven Karriere (Champions League-Teilnahme mit den Schäl Sick Rastellis) erfolgloser Demotivationstrainer an ostdeutschen Theatern. Jetzt Vertreter (u. a. von gebrauchten Interessen). Windows 98-Experte. Vater. Genosse. Ostfriese. Schalker. Kommunen-Koch.
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