Zum Heimspiel gegen den FC: Der Mythos „Oliver Held“

Es ist der 27. Spieltag in der Saison 97/98. Die Saison, in der Kaiserslautern nach Aufstieg Deutscher Meister wird. Wir begrüßen den 1.FC Köln im Parkstadion, es ist ein Mittwochabend im April und vieles ist ein wenig Durcheinander.

Das Spiel ist unter mehreren Gesichtspunkten von großer Bedeutung für mich. Ein knappes Jahr vorher bin ich von Köln nach Gelsenkirchen gezogen, um dort zu studieren. Obwohl ich in Köln groß geworden bin, war ich nicht eine Minute meines Lebens FC-Fan oder Sympathisant, meine Familie auch nicht. Der Tag ist auch deshalb besonders für mich, weil ich gemeinsam mit meinem Vater zum Fußball gehe, ein seltenes, eigentlich ein einzigartiges Erlebnis. Obwohl ich Dauerkarteninhaber für die Nordkurve bin, haben wir Tribünenplätze. Mein Vater kommt zu spät. Muss irgendwas Tiefenpsychologisches gewesen sein. Aber gut zehn Minuten nach Anpfiff nehmen wir endlich Platz.

Für den 1. FC Köln, seine Anhänger und den Verein ist der Tag auch etwas Spezielles. Es läuft nicht gut in der Liga. Der FC ist ja bis dahin auch eher „unabsteigbar“, aber schon mehrmals in der Spielzeit 18.er gewesen. Skurril und nicht unwesentlich: Teile des Spieltags finden erst Ende April statt, denn wegen Castortransporten wurden im März Spiele abgesagt und verschoben. So auch dieses. Knifflige Sache. Regulär kommt der FC an diesem Tag als Tabellenzwölfter (Spoiler: Das sollten die sich auch noch Mal vor Augen halten, bei der Bewertung. Aber nun gut.).

Vom Spiel kann ich mich nicht an viel erinnern. Schalke ist auch ohne Thon deutlich besser, der FC schießt nicht auf’s Tor. Ich weiß, dass ich es in der Kurve irgendwie cooler fand. Es steht lange 0:0, als Tretschok in der 81. Minute Maß nimmt. Oliver Held wehrt den Ball in der Torliniennähe ab, fällt zu Boden und hält sich den Kopf. Jeder hat gesehen, dass es Handspiel gewesen ist. Eisiges Schweigen auf der Haupttribüne. Nur mein Vater springt auf und ruft „Hand!“. Das ist kein Spaß, wenn sich gefühlt 5.000 Menschen umdrehen und einen fassungslos anglotzen.

Der Rest ist bekannt. Held lügt, vom Schiedsrichter gefragt. Latal trifft in der 90. Minute, der FC steigt wenige Wochen später das erste Mal in seiner Geschichte ab. Heldt wird nachträglich für zwei Spiele gesperrt, Toni Polster wünscht ihm für den Rest seines Lebens alles Schlechte.

Seitdem herrscht, nun, etwas Funkstille aus der Domstadt in Richtung der schönen Stadt am Rhein-Herne-Kanal. Oder, wie es mein Freund René jüngst ausdrückt: „Lieber würde ich Fohlen-Fan, als Schalker.“ Das will was heißen. Auch wenn sich Oliver Held nachträglich entschuldigt hat und solche Unsportlichkeiten mittlerweile leider fast an der Tagesordnung sind: Der Mythos „Wegen Held sind wir in der zweiten Liga!“ war geboren – ähnlich hart betoniert wie bei uns „Wegen Markus Merk sind wir nicht Deutscher Meister!“ Relativ unreflektiert, wie ich finde, denn die Mannschaft hatte zwischen dem 26. und 34. Spieltag nur insgesamt fünf Punkte gesammelt und insgesamt 64 (!) Gegentore kassiert: Die meisten der Liga in dem Jahr.

Mir war es damals egal. Die unermesslichen Leiden des Tabellenkellers kannte ich (noch) nicht. Heute haben FC-Fans allerdings grundsätzlich erst einmal mein Mitgefühl, wenn ihr Team, wie aktuell, da unten drin steht. Aussichtslos, scheinbar.

Christian

Christian

Nach der aktiven Karriere (Champions League-Teilnahme mit den Schäl Sick Rastellis) erfolgloser Demotivationstrainer an ostdeutschen Theatern. Jetzt Vertreter (u. a. von gebrauchten Interessen). Windows 98-Experte. Vater. Genosse. Ostfriese. Schalker. Kommunen-Koch.
Christian

3 Kommentare zu “Zum Heimspiel gegen den FC: Der Mythos „Oliver Held“

  1. Ein schöner Ausflug in die Historie. Ebenso schön einordnend, den Kölner Abstieg betreffend und den Schalker Anteil daran.

    Ist dann ähnlich hanebüchen, wie zu sagen, dass S04 Schuld ist, dass der HSV vor einigen Jahren nicht direkt abgestiegen ist. Immerhin haben wir nur 2 von 34 Spielen gegen den HSV gemacht und auch andere Clubs Punkte gegen sie liegen gelassen.

    Aber Wahnsinn, dass das jetzt auch schon fast 20 Jahre her ist! Ich Stand übrigens damals in der Nordkurve. Bei bester Sicht, wenn ich mich Recht entsinne, denn das müsste auf das Tor in der NK gewesen sein, oder?!

    Antworten

      1. Stimmt, das war tatsächlich vor der Südkurve! Dann hat mir meine Erinnerung einen Streich gespielt. 😉

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