Spieltag 12-17: Wie es jetzt weitergeht

Knapp zwei Drittel der Hinrunde sind gespielt. Die Zeit der Länderspielpause möchten wir für einen Ausblick auf die verbleibenden sechs Ligaspiele nutzen. Die Ausgangssituation: Es folgt Hamburg (H), Derby (A), Köln (H), Gladbach und Frankfurt auswärts und dazwischen Augsburg zuhause. Als adventlichen Abschluss wird dann noch einmal der FC Köln im Pokal in der Arena serviert.

Status: Derzeit sind wir vierter der Tabelle mit 20 Punkten. In der Heimtabelle sind wir „nur“ sechster (11 P.),  in der Auswärtstabelle vierter (in der „wahren Tabelle“ übrigens fünfter, die haben das Wolfsburgspiel zu unseren Ungunsten gerechnet).

Mein erster Eindruck ist, dass das Restprogramm trügerisch leicht aussieht, denn außer den lästigen Nachbarn sind keine Spitzenteams in der Verlosung. Obacht. Frankfurt, Gladbach und Augsburg sind nur maximal vier Punkte hinter uns in der Tabelle. Hätten wir nicht den durchaus glücklichen Sieg in Freiburg mitgenommen, wären alle diese Teams rechnerisch auf Augenhöhe. Keine der Mannschaften spielt international, sie sollten also alle ausgeruht auf uns treffen.

Was spricht für S04?

Domenico Tedesco hat bewiesen, dass er eine starke Führungspersönlichkeit sein kann und intern Prinzipientreu handelt. Taktisch hingegen agiert er oft situativ flexibel, er weiß seine Spielweisen zu variieren und zu verändern. Er hat jetzt mindestens zwei Grundstrategien im Köcher (Ballbesitz und Non-Ballbesitz) und ich bin sicher, er wird schon gegen den HSV, aber spätestens gegen die 09er eine weitere Anpassung vornehmen. Das Coaching betrachte ich derzeit als eine Stärke des Teams.

Schon mehrfach in der Presse erwähnt worden ist unsere defensive Stabilität. Wir haben die zweitwenigsten Gegentore gefangen und Kehrer und Naldo spielen, als müsste man eine Nationalmannschaft gründen, in der sie nebeneinander spielen dürften. Einfach toll!

Zusätzlich ist mir in den letzten Wochen aufgefallen, dass das Team gut zusammengestellt ist. Anders als in manchen letzten Jahren gibt es einen gesunden Mix aus Rookies (McKennie, Harit, auch Bentaleb und Reese), alten Hasen (Naldo, Fährmann, Burgstaller, Caliguiri, Coke) und einem fetten Anteil ehrgeiziger, aber schon reifer Spieler wie Meyer, Goretzka, Kono, Schöpf, Nastasic. Diese „charakterliche“ Ausgewogenheit merkt man dem Team an; auch in schwierigen Situationen scheint die Mannschaft intakt, es gibt eine gute, ruhige Kommunikation, Disziplinlosigkeiten waren nicht zu erkennen. Aber vor allem scheint über Lernbereitschaft und Ehrgeit vorzuherrschen.

Zu den genannten Stärken kommt hinzu, dass mit Schöpf und Embolo noch zwei offensive Spieler langsam zurückkehren. Beide können in jedem Spiel den Unterschied machen und da sie noch nicht aktiv waren, sind sie für Bosz, Kovac, Hecking und Co. schwer auszurechnen.

Was kann in den nächsten Wochen gegen uns sprechen?

Seit Saisonbeginn mahne ich, dass die Defensive zu dünn besetzt ist. Schon sind zwei IV länger außer Gefecht und die aktuelle Besetzung ist eigentlich gezwungen, durchzuspielen. PR-Aktionen wie „Naldo: Ich fühle mich wie 25“ lassen mich eher stutzig werden, als dass sie mich beruhigen. Wenigstens hat Christian Heidel mein Flehen erhöht, und Riether wieder unter Vertrag genommen, aber Gott bewahre, wenn Naldo mal Schnupfen hat. Achtung, Achillesferse.

Wir müssen uns nicht einreden, dass die vertragliche Situation um Leon Goretzka weiterhin so nebensächlich bleibt, wie momentan. Rückt die Winterpause näher, werden die Spekulationen wuchern. Es gibt im Übrigen auch Vereine, die suchen schon jetzt im Winter im Mittelfeld Verstärkung. Ich weiß, Leon ist ein besonnener Zeitgenosse, aber die Medien sind es nicht. Hoffen wir, dass der Verein die Ruhe und Professionalität behält, damit Leon bis zum Sommer gesund seine Leistung abrufen kann.

Fazit

Natürlich gibt es sechs Teams, die uns das Leben schwer machen werden. Zum Derby möchte ich nichts sagen. Ich gehöre zu denjenigen, für die schon ein normales Ligaspiel emotional und körperlich eine enorme Belastung darstellt. Das Derby ist für mich oft nicht zu ertragen. Hätte ich vor dem Spiel die Chance, eine Wahl zu treffen, ich würde immer ein Remis nehmen, anstatt die Aussicht auf Sieg oder Niederlage.

Gegen Hamburg und Köln sind Siege eigentlich Pflicht. Das ist nicht arrogant. Der HSV hat auswärts nur einmal Punkte geholt: Eben in Köln. Von seinen sechs Auswärtstoren haben sie da alleine drei geschossen. Und der FC ist hinten so schwach, man muss sich ernsthaft Sorgen machen! Ich habe ihren letzten internationalen Auftritt gesehen. Das Spiel wurde zwar gewonnen. Aber obwohl Stöger schon so lange Trainer dieser Mannschaft ist, ist es ihm nicht gelungen, defensive Basics zu implementieren, insbesondere bei Standards oder in der Raumaufteilung. Hinzu kommen enorme Verletzungssorgen: Heintz, Hector, Höger, Risse fallen dauerhaft aus.

Die Spiele, an denen sich der Verlauf und die Bewertung der Rückrunde bemessen werden, werden m.E. die gegen die M’Gladbach, Augsburg und Frankfurt sein. Das sind Wundertüten und die Spiele sind auf Augenhöhe. Die Borussia aus Mönchengladbach hat eine eher durchwachsene Hinrunde hinter sich: Sie sind zweimal richtig unter die Räder gekommen (1:6, 1:5, Lüdenscheid, Leverkusen), haben auch sonst defensive und offensive Schwächen offenbart, aber auch in Hoffenheim und gegen Hannover gewonnen. Einige längerfristig Verletzte  (Strobl, Traoré, Hofmann) haben es für Hecking sicher erschwert, Stabilität in die Mannschaft zu bekommen.

Keine ausgesprochene Heimmannschaft ist Eintracht Frankfurt. Nur sieben Punkte in fünf Spielen. Bemerkenswert ist die taktische Variabilität (3-5-2, 4-2-3-1, 3-4-3) – eventuell ist sich Niko Kovac einfach noch nicht sicher, wie er seine zahlreichen Neueinkäufe organisieren soll (KPB und zwölf weitere).

Auch die Hinrunde des FC Augsburg verlief wechselhaft, obwohl der aktuelle zehnte Tabellenplatz sicher keine Enttäuschung ist. Die Mannschaft konnte sich nach schlechtem Start fangen und verfügt mit Michael Gregoritsch und Alfred Finnbogason über zwei Goalgetter, die insgesamt 10 der 16 Tore geschossen haben, die Verteidigung ist mit nur 11 Gegentoren sehr stabil (drittbester Ligawert).

Sollten wir aus den verbleibenden sechs Ligaspielen drei Siege und ein Unentschieden holen, bin ich persönlich sehr zufrieden. Dann hieße die Bilanz 30 Punkte und sicher ein Platz in CL-Nähe. Das machte den Verein dann auch für fällige Wintertransfers (Defensive!) attraktiv.

Wo seht ihr uns am Ende der Hinrunde?

 

Christian

Christian

Nach der aktiven Karriere (Champions League-Teilnahme mit den Schäl Sick Rastellis) erfolgloser Demotivationstrainer an ostdeutschen Theatern. Jetzt Vertreter (u. a. von gebrauchten Interessen). Windows 98-Experte. Vater. Genosse. Ostfriese. Schalker. Kommunen-Koch.
Christian

Ein Kommentar zu “Spieltag 12-17: Wie es jetzt weitergeht

  1. „…und Kehrer und Naldo spielen, als müsste man eine Nationalmannschaft gründen, in der sie nebeneinander spielen dürften. Einfach toll!“

    Wie Recht du hast!

    Und so 11 Punkte habe ich mir auch schon insgeheim ausgerechnet. Könnte ich also, Stand heute, mit leben.

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