Derby-Woche: Wie ich als Schalker in Dortmund Meister wurde

4. Mai 2002, 34. Spieltag: Schalke verliert 1:2 zu Hause gegen Wolfsburg. Ich bekomme von dem Spiel ziemlich genau gar nichts mit, denn ich bin ca 32km weiter östlich von unserer gerade in dieser Saison erst eröffneten Arena: In Dortmund. Auf der Südtribüne. Beim Spiel Dortmund gegen Bremen. Dortmund gewann 2:1 und sicherte sich damit die deutsche Meisterschaft. Ich als Schalker mittendrin, zunächst inmitten der gelben Wand, nach dem Spiel auf dem Rasen.

Wie in aller Welt kommt man als Schalker dazu genau an diesem unmöglichen Tag an diesem unmöglichen Ort zu kommen? Nun, lasst mich „kurz“ ausholen:

Ich bin in Dinslaken aufgewachsen, eine kleine Stadt im Nordwesten des Ruhrgebiets, allerdings, je nachdem wen man fragt, ist das auch schon tiefster Niederrhein. Dort traf man zu der Zeit – Mitte der 90er Jahre –  in der ich mich langsam für Fußball zu interessieren begann, genau die Fans der Vereine, die man aufgrund der Lage vermuten würde: ein Haufen Zebras, Duisburg liegt ja direkt vor der Tür und ebenso viele Gladbacher. Letztere meist Onkels, oder Väter von Freunden, die den tollen Erfolgen der 70er noch hinterher trauerten.

Und gerade ganz frisch im kommen und besonders bei den Kindern in meinem Alter angesagt: diese schwarzgelbe Truppe aus dem Sauerland, die gerade recht erfolgreich spielten. Ehe ich mich versah und noch bevor ich selbst wirklich in der Welt des Fußball angekommen war, war ich umzingelt von Dortmundern. Mein gesamter Freundeskreis: schwarzgelb (na gut, ein Münchener war dabei, den mochte eh niemand), mein Onkel und seine Söhne in meinem Alter: schwarzgelb. Meine Schwester (!): schwarzgelb.

Glücklicherweise hatte der Fußballgott mir einen anderen Verein vorgesehen und einige Jahre später kickte ich glücklich in meinem neuen Ebbe Sand Trikot regelmäßig am Wochenende zusammen mit Kohler, Teddy de Beer, Rosicky und Amoroso auf unserem kleinen Ascheplatz nahe der Grundschule die wir zuvor alle zusammen besucht hatten.

Ein paar Jahre später, der Freundeskreis hat sich nur unwesentlich verändert: der FCB Fan zog weg, dafür kamen mehr Schwarzgelbe dazu. Mittlerweile alle um die 15 Jahre alt, also auch alt genug mal allein ins Stadion zu gehen. Während ich froh war überhaupt die Arena mal von Innen gesehen zu haben, pendelten meine Freunde schon recht regelmäßig in die Wellblechhütte. Als ich dann Anfang des Jahres gefragt wurde, ob ich im Mai gegen Bremen mit kommen will, dachte ich mir auch nur: „ach, cool, Fußball gucken. Klar komm ich mit!“ ohne überhaupt einen Gedanken daran zu verschwenden was es heißen kann bei recht erfolgreichen Mannschaft am 34. Spieltag ein Heimspiel zu besuchen.

Nun, der Tag kam. Ich als Schalker, inkognito unter Dortmundern, morgens auf dem Weg ins Sauerland. Das erste Ziel: Duisburg Hauptbahnhof, umsteigen. „Damals“ hatte die DFL vermutlich noch nicht das heutzutage viel gelobte Computerprogramm, dass die Spieltage und Ansetzungen berechnet, denn glaubt mir: dass S04 und BVB in der Regel wöchentlich wechselnd zu Hause spielen ist äußerst sinnvoll. Da beide Teams Heimspiele hatten, und beide natürlich am Samstag um 15:30, begegneten sich eine gute Menge beider Fanlager in Duisburg (mit Sicherheit auch an jedem anderen Bahnhof im Ruhrgebiet), getrennt nur von 2 Gleisen zwischen den Bahnsteigen.

Auf böse Blicke folgten Gesänge, auf Gesänge Pöbeleien, und auf Pöbeleien fliegende Glasflaschen. Letzteres zum Glück auch nur während die meisten schon in den weiterführenden Zug gestiegen waren – bis auf mich natürlich. Als letzter sprang ich in den Zug, genau in dem Moment als weniger Zentimeter neben mir, wo ich gerade noch stand, eine Bierflasche am Waggon einschlug. Hätte ich da nicht einen Schutzengel gehabt, ironischer hätte mein Wochenende wohl nicht enden können – per Schalker Friendly Fire inmitten von Dortmundern.

Der weitere Weg gestaltete sich jedoch deutlich entspannter. Die einzige Hürde die wir noch zu nehmen hatten war der Ordner im Blockeingang. Unsere Tickets waren für einen der Blöcke recht weit oben, beinahe unterm Dach der Südtribüne, meine Freunde hatten jedoch vor das Spiel deutlich näher am Spielfeld zu verfolgen. „Die kontrollieren die Karten eh nich!“ wurde mir gesagt. Tja, Pustekuchen. Wer wurd kontrolliert? Ich natürlich. War aber auch nicht weiter tragisch, ein Eingang weiter wurden wir nämlich einfach rein gewunken.

Da standen wir nun, ziemlich mittig hinter dem Tor, grob geschätzt auf 1/3 Höhe der Tribüne. Die üblichen Feierlichkeiten (Vereinshymne, Aufstellungen und so weiter) wurden zelebriert – von mir eher zur Kenntnis genommen. Zwischenzeitlich war mir schon mulmig, was, wenn hier irgendwer merkt dass der kleine Junge da gar nicht voller Inbrunst mit singt? Hat keiner gemerkt, oder falls doch, wird es den Beteiligten wohl egal gewesen sein.

Während es zu Beginn des Spiels noch relativ laut war, wurde es zur 17. Minute recht still um mich herum: Werder Bremen ging durch Paul Stalteri in Führung. Die Vorlage lieferte ein gewisser Ailton. Mit ihm auf dem Platz übrigens noch weitere bekannte Gesichter: Frank Rost, Mladen Krstajić und Fabian Ernst. Dortmund hatte übrigens nur einen Punkt Vorsprung auf Leverkusen, gewinnen hätte man also schon sollen um sicher zu gehen und Bayer führte bereits seit der 10. Minute. Über den Spielstand informierte einer meiner Freunde, der ein kleines Radio in der Jackentasche hatte. Sehr zur Freude gesamten Blocks.

Noch kurz vor der Halbzeit gab es den Ausgleich zum 1:1, in der 74. Minute schoss der frisch eingewechselte Ewerthon mit seinem ersten Ballkontakt Dortmund in Führung und zum Meistertitel. Spätestens mit Abpfiff waren viele sehr glückliche Menschen um mich herum und ich versuchte weiterhin am besten irgendwie nicht aufzufallen. Lächeln und Winken. Freundliches Nicken auf jede Frage. Klappte auch soweit, die meisten hatten dann doch anderes zu tun als misstrauisch zu werden, dass der eine Junge sich nicht so ganz dafür interessiert.

Was ich mir dann aber nicht habe nehmen lassen ist meinen Freunden mit aufs Spielfeld zu folgen – der Platz war mittlerweile schon von Tausenden gestürmt worden (Platzsturm! Buuuh! Alles Schwerverbrecher!).

An allen Ecken rissen Leute den Rasen raus, Souvenirs abgreifen eben. Einer meiner Freunde machte sich am Tornetz zu schaffen. Ich stand einfach unten und genoss den Ausblick vom Mittelkreis aus in Richtung aller Tribünen. Mitten in der Wellblechhütte, umzingelt von Dortmundern als Schalker auf der Meisterfeier – eine völlig absurde Situation die ich einfach nur in mich aufsaugen wollte. Mein Sinnieren wurde jedoch jäh unterbrochen, als zwei Leute an mir in Richtung Ausgang vorbei liefen, mit der Torlatte auf ihren Schultern. Etwas verrückteres habe ich selten gesehen. Inmitten des Trubels schleppten die beiden die Torlatte aus ihrem Stadion, mit einer Selbstverständlichkeit und Ruhe, als wären sie Handwerker, die seit Wochen einen Termin für diese Uhrzeit haben diese Latte auszutauschen. Ob sie es aus dem Stadion geschafft haben, weiß ich leider nicht.

Was mir tief in Erinnerung blieb war der Blick vom Rasen die Ränge hoch, insbesondere als dieser Fremdkörper im „Feindesland“. Und auch wenn das ein beeindruckender Anblick ist, ich möchte damit nicht die Wellblechhütte schön reden – die ist nun mal einfach hässlich – oder suggerieren der Anblick der Ränge sei einschüchternd, eher im Gegenteil. Da unten hab ich gespürt wovon immer geredet wird wenn es um Motivation in solchen Derbys wie am Samstag geht. Wir gegen die, alle gegen uns, unabhängig von alledem was davor war, was drumherum ist, die ganze Welt außerhalb der Tribünen um dieses Stück Rasen gibt es für 90 Minuten nicht.

Glücklich, den Fußball im gesamten etwas mehr für mich erschlossen zu haben suchte ich meine Freunde, alle hatten sich mittlerweile kleine Stücke des Tornetzes und je 15cm² Rasen gesichert. Und weil man als Schalker immer gern was von einer Fahrt nach Dortmund mitnimmt, es aber keine Punkte zu vergeben gab, nahm ich auch noch etwas mit: ebenfalls ein Stück Rasen, als Souvenir. Für meine Schwester, die leider immer noch den Sauerländern die Daumen drückt.

 

Übrigens: Leverkusen blieb nur der zweite Platz in dieser Saison, eine Woche später gewann Schalke den DFB Pokal – gegen Leverkusen.

Max

Max

Laptop-Trainer (ohne Trainerschein, aber mit Laptop).

Ist einer von diesen "Taktik-Liebhabern", die sich auch die langweiligsten Spiele schön reden. Trauert bis heute Ivan Rakitic hinterher und schaut - sofern Schalke nicht grade spielt - ab und zu gern Spiele des FC Arsenal.
Max

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