Titelbild "Choreo"

„Choreo“: Ein Buch über eine Fankultur

Beim zurück liegenden Pokalspieltag am 25.10. diesen Jahres kam es zur Partie zwischen Hertha BSC und dem 1. FC Köln. Spruchbänder zierten die Berliner Fankurve, die auf die Vorfälle im Kölner Hauptbahnhof an Silvester 2016/16 anspielten. Dort war es vermehrt zu sexuellen Übergriffen von Migranten auf Feiernde und Passantinnen gekommen. Die Äußerung auf dem Spruchband der Berliner Fans – initiiert von den „Harlekins“ – (ich mag hier den Inhalt nicht wiederholen) lässt Sexismus erkennen, ist wenig pointiert und grammatikalisch fehlerhaft; die Spruchbänder sind unaufwändig hergestellt und dienten nur einem einzigen Zweck: Der Provokation.

Die ganze Inszenierung ist Teil einer seit Jahren ausgetragenen Rivalität zwischen den Berlinern und ihren Pendants aus der Domstadt, den Ultras der „Wilden Horde“. In Folge solcher Aktionen werden Ultras in der Öffentlichkeit oft negativ wahrgenommen: Körperlich und sprachlich aggressiv, schlecht integrierbar in die zunehmend kommerziellen Abläufe des Stadionbesuchs.

Ein anderes Bild der „Hardcore-Fans“ zeichnet Hendrik Buchheister in seinem gerade erschienenen Buch „Choreo. Kunstwerke aus deutschen Fussball-Fankurven“. In über 20 Porträts zeichnet Buchheister vordergründig die Geschichte von bildgewaltigen Inszenierungen in deutschen Stadien der verschiedenen Spielklassen nach. Je länger man sich in die Schilderungen der einzelnen Choreos vertieft – ihre Entstehungsgeschichten, ihre Anlässen, den Akteuren und Anekdoten -, umso mehr wird klar, dass es im Kern um das Verhältnis von Fans zum Verein geht, um die Nutzung der Stadionöffentlichkeit als Kommunikationskanal, letztlich um das Ringen nach Teilhabe. Buchheister zeigt, wie die oft international beachteten und manchmal mehrere zehntausend Euro teuren Dramaturgien aus Stoff, Farbe, Licht, Musik und Pyrotechnik in wochen- oder monatelanger Kleinarbeit entstehen, Gelder zur Finanzierung aufgetrieben und die Inhalte mit dem Verein abgestimmt werden. Sein Verdienst ist es, dass das hochwertig bebilderte Buch auf über 140 Seiten nicht zu einem Coffee-Table-Book verkommt und den Leser somit in Nostalgie versinken ließe. Buchheister gelingt das, weil er mit Menschen spricht, die Perspektive wechselt und der Auseinandersetzung mit dem Thema erstmal unvoreingenommen gegenüber steht. Das ist mittlerweile keine Selbstverständlichkeit mehr und gehört ihm hoch angerechnet, da er gleichzeitig auch nicht in einen sozialwissenschaftlichen Duktus verfällt, und beispielsweise alle Ultraaktivitäten zur gerechten Sache verklären würde.

Glücklicherweise macht es ihm der Gegenstand der Betrachtung erstmal leicht: Choreos sind eine tolle Sache. Sie sind emotional. Kein Fan kann ungerührt bleiben, wenn historische Ereignisse, Titelerfolge (oder die Hoffnung auf solche), Vereinsjubiläen, Spielerleistungen oder die Trauer um Verstorbene kreativ verarbeitet werden. Gezeigt werden Highlights und Hintergründe der Stadioninszenierungen der letzten 25 Jahre. Von solchen, die aus einer einzigen, riesigen Fahne bestehen und welchen, die aus 45.000 Doppelhaltern zusammengesetzt sind. Von frühen Versuchen mit ein paar farbigen Kartons bis zu den Multimediainszenierungen, die wir zum Beispiel in der Arena erleben durften. Ich glaube, in Nick Hornbys „Fever Pitch“ heißt es an einer Stelle sinngemäß: Anders als im Theater, gibt es nur im Fußballstadion einzigartige Vorführungen. Nichts wiederholt sich exakt ein zweites Mal. In diesem Sinne ist die vorliegende Archivierung von Buchheister auch ein Plädoyer für den Stadionbesuch: Nur wenn ihr herkommt, könnt ihr das erleben.

Die zentrale Erkenntnis ist jedoch: Das Fußballstadion ist ein Ort der gesellschaftlichen Auseinandersetzung. Wer das System „Bundesligafußball“ in die Rollen aktiver Spieler, passiver Zuschauer und bezahlender Sponsoren pressen will, wird sein blaues Wunder erleben. Es gibt Fans, die suchen mehr im Fußball, als die Hoffnung auf drei Punkte und sie haben sich die Möglichkeit geschaffen, darüber zu kommunizieren. Diese Kommunikation ist maximal aufwändig und nicht zufällig, ist sie nie durch Einzelne gestaltet. An einer Choreo sind immer Viele beteiligt, Teamarbeit steht im Vordergrund, ein kommerzielles Ziel gibt es nicht. Letztlich trennt sich durch diese kreative Arbeit auch die Anhängerschaft in Produzenten und Konsumenten: Solche, die dazu beitragen, dass das Event einzigartig und lebendig bleibt und solche, die das ansehen. Dass die Macher in der Öffentlichkeit häufig nur über das illegale Abbrennen von Pyrotechnik oder das Zeigen geschmackloser Spruchbänder wie in Berlin wahrgenommen werden, ist ein Dilemma. Dass Fan-tum konstruktive Seiten haben kann, zeigt Buchheisters Buch – sein einziger Makel besteht in der Auswahl des falschen Titelbildes .

Titelbild "Choreo"
Das Buch bietet 132 Fotos und Abbildungen

„Choreo. Kunstwerke aus deutschen Fußball-Fankurven“, Hendrik Buchheister, ISBN.: 978-3-667-11052-7. Erschienen bei Delius Klasing, 2017, 29,90 €

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Christian

Christian

Nach der aktiven Karriere (Champions League-Teilnahme mit den Schäl Sick Rastellis) erfolgloser Demotivationstrainer an ostdeutschen Theatern. Jetzt Vertreter (u. a. von gebrauchten Interessen). Windows 98-Experte. Vater. Genosse. Ostfriese. Schalker. Kommunen-Koch.
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Ein Kommentar zu “„Choreo“: Ein Buch über eine Fankultur

  1. Edit: Ich hatte Anfragen an den WDR (Sportschau) und Sky geschickt, um zu erfahren, wie in der Berichterstattung mit dem Thema umgegangen wird. Von Sky liegt (noch) keine Stellungnahme vor. Der WDR antwortet: „Es gibt in der Sportschau Bundesliga keine Vorgaben an die Kommentatoren, ob und wie sie Fanchoreografien zum Gegenstand der Berichterstattung machen. Die Sportschau begleitet die Diskussionen im Fußball journalistisch und bezieht in der Darstellung die Sichtweisen kritischer Fans ein.“

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