Der Gegner stellt sich vor

Es ist wieder soweit, ein Spiel unter der Woche! Und es ist keine englische Woche in der Bundesliga, was der Tatsache geschuldet wäre, dass die Nationalmannschaft Schaulaufen veranstalten muss und sonst keine Termine mehr übrig bleiben. Nein! Es ist so ein richtiges, echtes Pokalspiel.

Unser Gegner ist der SV Wehen Wiesbaden, ein Verein, den man – sorry liebe Wiesbadener – eigentlich nur aus Zusammenfassungen der Dritten Liga in der Sportschau kennt. Aber jeder Verein hat eine Geschichte und wir denken, es ist ganz interessant zu wissen, wer denn da unser Gastgeber am Dienstagabend genau ist.

Dazu haben wir Gunnar von stehblog.de gebeten, uns den SVWW etwas näher zu bringen.

Der SV Wehen wurde 1926 gegründet und spielte jahrzehntelang im untersten Amateurbereich. Durch das Engagement des ortsansässigen Unternehmers Heinz Hankammer (Gründer des Wasserfilter-Herstelles Brita) arbeitete man sich ab den frühen 80er Jahren langsam nach oben, bis mit dem Gewinn der Meisterschaft in der Regionalliga Süd 2007 der Sprung in den Profifußball gelang. Es war schnell klar, dass im kleinen Stadion auf dem Wehener Halberg kein Zweitligafußball möglich sein würde, weshalb man sich zu einem Umzug ins 10 Kilometer entfernte Wiesbaden entschloss und seitdem als SV Wehen Wiesbaden antritt. Dort wurde in der Rekordzeit von nur vier Monaten die Brita-Arena errichtet, die im Wesentlichen aus Containern, Stahlrohren und Wellblech besteht und sicher keine architektonische Schönheit, dafür aber sehr funktional ist. Gegen Schalke wird das Stadion zum ersten Mal seit langem wieder restlos ausverkauft sein, d. h. es werden knapp 12.000 Zuschauer das Spiel vor Ort verfolgen. Die Hälfte der Plätze sind Stehplätze (jeweils die Hintertortribünen), das gesamte Stadion ist überdacht und alle Plätze sind nur wenige Meter vom Spielfeld entfernt. Vom Hauptbahnhof ist das Stadion zu Fuß in zehn Minuten bequem zu erreichen.

Intermezzo in der zweiten Liga

In der 2. Bundesliga konnte man sich nur zwei Jahre halten und ist seit dem Abstieg 2009 fester Bestandteil der 3. Liga. Man träumt natürlich seitdem von einem erneuten Aufstieg, war aber nur 2011 einigermaßen dicht dran, musste aber stattdessen mehrmals den Abstieg in die Regionalliga verhindern. Legendär dabei das Saisonfinale 2016, als Alf Mintzel in der Nachspielzeit des letzten Spiels das dringend benötigte 3:1 erzielte, wodurch der SVWW nur aufgrund der besseren Tordifferenz die Klasse hielt. Die stets wechselhaften sportlichen Leistungen gingen mit zahlreichen Trainerwechseln einher, selten war ein Trainer länger als ein Jahr da – aber das kennt man als Schalker ja. 😉

Neuer Trainer, neues Glück

Seit Februar diesen Jahres ist Rüdiger Rehm Chefcoach des SVWW und es spricht einiges dafür, dass er der langersehnte Glücksgriff auf der wohl wichtigsten Position im Verein ist. In der letzten Saison führte er die bei seinem Dienstantritt noch tief im Tabellenkeller steckende Mannschaft bis auf den siebten Platz und zudem zum Sieg im Hessenpokal, wodurch man sich mal wieder für den DFB-Pokal qualifizierte. Die neue Saison läuft auch wieder ziemlich gut, nach dreizehn Spieltagen steht man auf Platz 4. Es sind nicht nur die Ergebnisse, sondern auch Rehms Arbeitsweise, die zarte Aufstiegshoffnungen wecken. Vielleicht noch nicht in dieser Saison, aber es zeichnet sich doch eine stetige Weiterentwicklung der Spielweise ab. Aufbauend auf einer sehr soliden Defensive und schnellem Umschaltspiel findet man immer öfter auch Lösungen, wenn sich der Gegner seinerseits erstmal hinten reinstellt. Dabei erhalten die Spieler je nach Gegner präzise Anweisungen und die Video-Analyse ist ein wichtiges Werkzeug in Spielvor- und nachbereitung. Ich weiß nicht, wie bei anderen Drittligisten der Stand diesbezüglich ist, aber beim SVWW gab es das vorher in dieser Form jedenfalls nicht. Natürlich ist längst nicht jedes Spiel toll, manche der jüngsten Siege waren sehr glücklich und Punktverluste dämlich bis verdient, aber der Trend geht insgesamt klar in die richtige Richtung.

Und jetzt kommt Schalke

Als Drittligist ist man bei der DFB-Pokalauslosung ja im Amateure-Topf und bekommt zwangsweise einen Erst- oder Zweitligisten zugelost, weshalb in den letzten Jahren für den SVWW – sofern überhaupt qualifiziert – immer in der ersten Runde Schluss war. In dieser Saison traf man in der ersten Runde auf Zweitligist FC Erzgebirge Aue, der nach dem Verlust des Trainers Domenico Tedesco seinerseits schlecht in die Liga gestartet war, und war bei den Wettanbietern sogar leicht favorisiert. Das sollte sich als zutreffend erweisen, denn nach zwei frühen Toren gewann der SVWW relativ souverän mit 2:0 und steht somit zum ersten Mal seit neun Jahren in der zweiten Pokalrunde. Gegen Schalke ist der SVWW natürlich krasser Außenseiter und alles andere als ein deutlicher Sieg der Königsblauen wäre eine Überraschung – oder gar eine Sensation, sollte Wehen gewinnen. Aber wir wissen ja alle, wie das im Fußball manchmal so läuft…

Jedenfalls ist in Wiesbaden tatsächlich so etwas wie Euphorie zu spüren, was im Zusammenhang mit dem SVWW nun wahrlich eine Seltenheit ist. Beim Kartenvorverkauf bildeten sich lange Schlangen vor der Geschäftsstelle, wobei da selbstverständlich auch viele Schalker anstanden. Ich vermute, dass mindestens das halbe Stadion blau gewandet sein wird und den Heimsupport deutlich übertönt, aber dennoch werden wir auf den Rängen so gut wir eben können „dagegenhalten“ – genauso wie unsere Mannschaft auf dem Rasen.

 

 

Gunnar ist Wiesbadener, hauptberuflich Bayern-Fan und vor zehn Jahren mit einem Zweitligisten vor der Haustür überrascht worden, der dann auch noch ein Plätzchen in seinem Herzen fand und dieses auch nach Abstieg nicht räumen musste. Seit 2008 gibt es den Stehblog und seit 2016 den Podcast „Niemals Erste Liga„. Auf Twitter ist er als @stehblog zu finden.

Joe

Joe

Schalker, Berliner, Sauerländer, Rechtsanwalt Jahrgang 73, und nun auch noch Blogger und Kommmunen-Mitgründer.
Joe

2 Kommentare zu “Der Gegner stellt sich vor

  1. Danke! Ich lese diese Beiträge zur Gegenperspektive mit großem Vergnügen – gerne weiter so.

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