Was wir Fans tun können, um Identität zu schaffen

Ich gebe zu, ich schäme mich ein wenig. Weil ich mit einem Satz starte, der von unserem Nachbarn stammt. Ein Zitat von Jürgen Klopp, aus einer Werbung mit der Volksbank. Man muss zugeben, dass dieser Spot wahrscheinlich das Authentischste und Passendste war, was der Werbemarkt hergab. Zumindest nach Rudi Assauer und seine Thomallasche mit ihrem „Nur gucken, nicht anfassen“…

Aber egal, jetzt zu Jürgen Klopp. Er sagte also in seinem Volksbank Spot den so eindringlichen wie richtigen Satz: „Ich glaube, dass die Lust zu gewinnen größer sein muss, als die Angst, zu verlieren.“

Wir haben am Sonntag Abend, zwischen der Spielminute 10 und 45, genau gesehen, was das bedeutet. Wie so ein Spiel aussieht, wenn man so spielt, „als ob man etwas verlieren könnte“ (Zitat Tedesco nach dem Spiel).

Nicht, dass wir diese Spielweise nicht schon kennen würden. In den letzten Jahren hat uns genau diese unerklärliche Passivität immer wieder heimgesucht. Egal, ob unter Weinzierl, egal ob unter Breitenreiter, diMatteo oder Keller.

Und zwar interessanterweise oft genug genau dann, wenn wir wirklich „etwas zu verlieren hatten“. Ob in der Euro-League gegen Amsterdam, im Pokal gegen Bayern. Aber auch gefühlt eine Million Mal, wenn in der Liga alle „für uns“ gespielt haben und wir dann wieder mal gegen einen Aufbaugegner ordentlich verkackt haben.

Aber ist das wirklich Angst, die unsere Jungs so spielen lässt? Das sind doch alles Jungmillionäre, wandelnde Ich-AGs, denen das Wohl des Vereins oder der mannschaftliche Erfolg angeblich völlig egal sind, oder?

Wenn man Angst hat, ist man gelähmt. Die Beweglichkeit, die Energie fehlt, man ist wie paralysiert und kann nur noch reagieren, statt zu agieren. Eine kreative Lösung ist nicht denkbar, weil das Gehirn das im Zustand der Angst nicht leisten kann. Alles Dinge, die uns in Bezug auf viel zu viele Spiele doch irgendwie bekannt vorkommen, oder?

Ist es also womöglich so, dass wir seit Jahren eine völlig falsche Diskussion führen? Dass wir nach jeder Enttäuschung als Fans darüber diskutieren, ob unsere Jungs sich überhaupt mit unserem Verein identifizieren, oder ob sie einfach nur für einen besseren Vertrag spielen? Dass die Jungs einfach nicht mehr das Herzblut mitbringen, wenn man für einen Verein wie Schalke spielt?

Ich möchte in diese Diskussion, die ja von allen Fans sehr emotional geführt wird, aber uns in den letzten Jahren nicht weiter gebracht hat, also eine andere Sichtweise und mögliche Erklärung einbringen.

Warum also Angst? Nehmen wir doch einmal den sonst so üblichen Reflex einmal raus, in dem es heißt: „Ich hab auch Druck auf meiner Arbeit, damit müssen die klar kommen. Die Uschis.“ Oder auch: „Das sind Millionäre, da erwarte ich einfach, dass die Laufen!“

Nehmen wir doch einmal an, dass diese Jungs, egal wie „Verdorben“ sie von den Millionen sind oder ihren Beratern oder sonst wem, einfach nur das sind, was sie sind: Jungs. Die gerne Fußball spielen.

Das kann ich zwar nicht mit Sicherheit behaupten, weil ich so genau noch keine Jungstars kennen gelernt habe. Aber ich habe einige Seminare mit recht anerkannten Team-Coaches geführt, vor allem aus dem Bereich Basketball und Eishockey, und dort ist das genau so. Dort spielen Jungs, weil sie Spaß haben. Auch wenn es auch dort bereits um hohe Beträge und Berater geht.

Dann müssen wir davon ausgehen, dass auf diese Jungs, egal ob ausgesorgt oder nicht, verdammt viel einprasselt. Leistungsdruck, hartes Training, Erwartungshaltung von Eltern, Trainern, Fans, Freunden, Beratern. Und das alles schon vor der Volljährigkeit. Und wenn sie es tatsächlich schaffen, bei uns in den Kader zu kommen, und dann bereits bei wenigen Fehlern gemurrt wird, dann kann das schon mal lähmen.

Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt, in die Arena vor 60.000 Zuschauern einzulaufen, und erst recht nicht, wie es sich anfühlt, jede Aktion und jede Bewegung über Pfeifen oder Applaus „kommentiert“ zu bekommen. Ich bin schon beeindruckt, wenn ich bei einer Stadionführung in ein leeres Stadion gehe, da werden mir die Knie schon weich…

Aber warum ist es so, dass unsere Talente gefühlt besonders „weich“ sind? Warum kommt es manchmal sogar regelrecht zu „Fluchtreaktionen“, z.B. bei Draxler, oder auch Sane? Oder zu befürchten bei Meyer, Goretzka und Kehrer? Sind das alles Lippenbekenntnisse, um ihr Image bei den Fans zu fördern?

Nehmen wir einmal Draxler. Ich gebe zu, ich bin auch enttäuscht über seine Zeit hier bei uns und seine Aussagen, die er nach seinem Abschied getätigt hat.

Aber ich glaube ihm jedes Wort, dass er hier bei uns besonderen Druck hatte. Mehr als in Wolfsburg, und auch mehr als in Paris.

Weil er zwar außerordentliche Fähigkeiten hat, die aber auch nur in einem guten Team zur Geltung bringen kann. Ähnlich wie Özil, finde ich. Das sind nicht die Spieler, die ein Spiel an sich reißen, wenn es mal nicht läuft. Sondern die den Unterschied ausmachen, wenn es läuft. Ein wichtiges Zahnrad im System.

Aber bei uns war Draxler gefühlt der Einäugige unter den Blinden. Er sollte voran gehen, das Besondere bewirken, sein Team zum Sieg schießen. Und zwar in einem Team, wo es am Spielsystem hakte. Und dann noch die Aktion mit der Vertragsverlängerung… Wenn er diese Erwartungen nicht erfüllte, ging das Geraune schon los.

Ich bin mir also sicher, dass wir Fans, ob wir wollen oder nicht, einen großen Einfluss darauf haben, ob sich Spieler mit uns identifizieren oder nicht. Solche Unmutsäußerungen, die die Konzentration stören, sind zwar verständlich (auch mir fehlt nach den letzten Jahren viel Geduld mit unserem Spiel). Aber sie führen dazu, dass unser Spiel, und unsere Identifikation, gestört werden. Weil irgendwann die Angst mit reinspielt.

Damit möchte ich nicht unser Spiel schönreden. Oder um „bedingungslose“ Unterstützung werben. Oder um blinde Genügsamkeit. All das hilft genau so wenig.

Aber was führt zu einer hohen Identifikation? Erfolg. Und der ist nie zufällig.

Wer sich die Eurofighter einmal genau anschaut, der sieht zwar, dass wir viel Spielglück hatten. Aber das Team war absolut ausgewogen und die erste Elf wurde dramatisch unterschätzt. Die Spieler waren alle vorher schon da und die Mannschaft war im Regelfall mittelmäßig. Bis Wilmots kam, der das entscheidende Puzzleteil war. Und mit dem alle Spieler deutlich besser waren.

Danach war wieder 3 Jahre Mittelmaß. Ein neues Team wurde aufgebaut, und diesmal waren es Möller und Böhme, die die entscheidenden Teile waren.

In unseren letzten Spielzeiten hatte ich das Gefühl, dass wir eine Mannschaft hatten, die zwar Ablösefreie, vermeintlich gute Spieler hatten und viele Talente. Aber ein Puzzle, das ein harmonisches Bild gibt, war das nicht.

Genau daran arbeitet Heidel. Auch mit Fehlern. Aber mit Strategie und Konsequenz. Ich sehe darin den einzigen Weg zu Erfolg. Und dann auch zu Identifikation. Nicht umgekehrt. Sollten wir Heidel und Tedesco mit unseren Anfeindungen dazu bringen, auch ängstlich zu handeln, dann werden wir Mittelmaß.

Letztendlich sind unsere Fahnen und Banner zwar auf der einen Seite verständlich. Aber eigentlich sind sie auch nur Ausdruck von Angst. Nämlich der Angst, dass das nicht mehr unser Verein ist und wir dort nicht mehr zugehören. Aber Angst führt immer zu falschen Ergebnissen. Also: Drüber nachdenken, viel reden, viel diskutieren. Nicht blind gehorchen. Aber das Gute, die Fortschritte sehen. Und die sehe ich in Heidels Wirken und, vor allem, in Tedescos.

Sascha

Sozialisiert von Ralf Regenbogen und Günter Schlipper. Ist als Blogger immer darum bemüht, einfache Aussagen möglichst Intellektuell aussehen zu lassen. Versucht, seine 3 Kinder im Sinne des S04 zu erziehen: Nur gucken, nicht anfassen.

Ein Kommentar zu “Was wir Fans tun können, um Identität zu schaffen

  1. Das ist ein sehr kluger Artikel. Manchmal habe ich das Gefühl, besonders wir Schalker-Fans haben etwas Übergriffiges. „Das da unten ist meine Mannschaft, und ich kann mir das rausnehmen.“ Es gibt eine wahnsinnige Nähe auf Schalke, die wird ja sogar noch gefördert. Dabei wollen die Jungs doch nur Fußball spielen. Vielleicht ist es doch klüger, ein Team um erwachsene Menschen herum aufzubauen, die damit besser klar kommen?

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