Warum der Wechsel von Höwedes und Geis ein Zeichen für Kontinuität sein kann

Zugegeben, ich schreibe bewusst: Sein kann. Denn ich bin nicht Christian Heidel, also kann ich nicht genau wissen, welche Entscheidungsgrundlagen vorhanden waren.

Spekuliert wird ja wieder sehr viel: Wir haben kein Geld und sparen uns den Erfolg kaputt. Wir müssen unser Tafelsilber verschärbeln. Wir (der Verein) sind ein Opfer eines dummen Machtgehabes zwischen Höwedes und Tedesco. Heidel kann Schalke nicht. Tedesco ist ein Anfänger. Geschrieben und gemutmaßt worden ist sehr viel.

Viel davon war das Papier nicht wert, auf dem es gedruckt wurde. Also tue ich meinen Senf gerne auch einmal dazu. Gerne einmal aus einer anderen Perspektive: Die der Personalstrategie.

Welche Strategie, bitte schön? Wann hatten wir denn mal so etwas?

Zugegeben, in den letzten Jahren habe ich immer wieder versucht, in die Entscheidungen unserer Entscheider etwas Sinnvolles hinein zu interpretieren. Und auch wenn oberflächlich betrachtet Heidels Wirken ähnlich ziellos wirkt, wie vorher unter Heldt, bin ich da doch deutlich optimistischer.

Ob Heidel Schalke wirklich bereits verstanden hat oder ob Schalke ihn eines Tages doch schaffen wird, lass ich einfach mal offen. Aber Heidel gehört zu den 3 momentan wirkenden Managern, die bereits nachgewiesen haben, langfristig sinnvoll und erfolgbringend zu arbeiten.

Also, lass uns einmal schauen, ob die Symptome „oh Gott, alle fähigen Fussballer, von Höwedes über Geis bis hin zu (wahrscheinlich) Meyer hauen ab!“ nicht sogar ein wirklich gutes Zeichen sein können. Nämlich eins von Kontinuität und Stabilität.

Wie ich darauf komme? Ganz einfach. Es gibt einen Satz, der sehr oft im strategischen Personalmanagement übersehen wird:

Wenn Du Dein Handeln änderst, ändert sich Dein Ergebnis.

Oder, etwas systemisch betrachtet: Alles hat seinen Preis!

Diese Sätze klingen so profan, und dennoch erweisen sich viele (offenbar einfache) Entscheidungen als Bumerang und führen eben nicht zum erwünschten Ergebnis, sondern zum genauen Gegenteil.

Weil meist nicht die Folgen für das System, für das Zusammenspiel und unbewusste Verhalten der Teilnehmer mit berücksichtigt werden. Sprich: Meistens macht man es sich zu leicht und wundert sich hinterher. Das geht vielen Top-Managern so, in allen Führungsebenen.

 

Lass uns doch einmal schauen, was uns Fans in den letzten Jahren so oft gefehlt hat: eine klare, stimmige und vor allem dauerhafte Strategie.

Wenn wir unsere Trainer anschauen der letzten Jahre, wird das doch völlig deutlich: Nach Rangnick kam Stevens, eine völlig unterschiedliche Philosophie. Danach Keller, der viele Junge Leute einbauen wollte. Dann diMatteo, mit extremem Verteidigungsfussball. Breitenreiter, Weinzierl. Man hatte immer den Eindruck von Try and Error.

Heidel benutzt einen anderen Ansatz: Er hat klar erkannt, dass (außer bei den Bayern) alle erfolgreichen Bundesligavereine einen Trainer mit umfangreichen Jugenderfahrungen hatten. Also Tuchel, Nagelsmann, auch Hasenhüttl kann man dazu zählen. Diese Entwicklung hat Heidel ja ganz klar mit unterstützt, aber seine Begründung, dass die jetzige Spielergeneration nun mal aus den NLZ kommt und an die dortigen Vorgehensweisen gewöhnt sind, ist nachvollziehbar.

Genau das, was wir Fans uns doch immer erhofft haben: Jemand, der mittelfristig unsere Nachwuchsleute noch viel besser unterstützen und einbinden kann. Jemand, der klare Kante spricht, so wie Elgert.

Und was ist die Realität in den NLZs? Eine absolute Leistungsorientierung. Ob das Charakterfördernd ist oder nicht, ist nicht das Thema. Aber es ist ein System, bei dem viele junge Spieler auf der Strecke bleiben. Die heutigen Top-Trainer gehen jedoch nicht nach Magath-Manie vor und sortieren die überflüssigen Spieler gnadenlos aus, sondern nehmen alle Spieler mit und versuchen, sie an das steigende Niveau anzupassen. Mit Psychologie, Pädagogik und natürlich modernen Trainingsmethoden. Also genau das, was man Tedesco so deutlich zuspricht.

Hat er nun also seine Spieler doch nicht mitgenommen, dass sie nun beleidigt sind?

Vielleicht ist das so. Vielleicht erinnern sich Höwedes und Meyer an die Magathschen Methoden und fliehen davor. Ich glaube es aber nicht.

Ich glaube vielmehr, dass nun das eingetreten ist, was ich gerne Kontinuitätsparadoxon nenne:

Die Einführung von Kontinuität führt vorübergehend zum Gegenteil.

Grund dafür ist der Bruch in der bisherigen Philosophie:

Bei Profi-Fussballern herrscht noch mehr eine Mentalität von Ich-AGs vor, als es auch im „normalen“ Arbeitsleben immer mehr gelebt wird: Der Fussballer wird beraten, im Fall Höwedes sogar von einer Marketingagentur. Nach Möglichkeit steht ein Spieler für eine Marke, für eine Eigenschaft.

Genau das, was auch wir seit einigen Jahren versuchen: Eine authentische Marke zu werden.

Stell Dir vor, Deine Marke, Deine Philosophie, Deine Führung ist ein Weg. Im Idealfall führt dieser Weg geradewegs von A nach B:

Hast Du keine kongruente Führung, oder springst (unbewusst) immer hin und her, dann sieht Dein Weg ungefähr so aus:

Keine Struktur, viele Wechsel. Jedes Mitglied Deines Teams hat ebenfalls eine Philosophie, eine Führungslinie, eine Kultur. Egal, wie Du es nennst. Meistens ist das alles aber unbewusst:

So lange Deine Führung innerhalb einer gewissen Toleranz mit den Vorstellungen Deines Teams übereinstimmt, werden sie Dir folgen. Trifft das nicht mehr zu, werden sie sich bestenfalls trennen. Schlechtestenfalls sitzen sie ihren Job einfach nur aus und verbreiten schlechte Stimmung.

Immer, wenn Du einen Bruch in Deiner Philosophie vornimmst, führt das auch zu einem Bruch bei Deinem Team:


Jemand, der vorher auf Deiner Linie lag, ist es nun nicht mehr. Ich behaupte, dass genau das gerade mit Höwedes und Meyer passiert ist.

Das ist zwar schade, aber das kannst Du eben nicht vermeiden. Dennoch war dieser Schritt hin zu einer klaren Philosophie eben zwingend, weil sonst keine Entwicklung möglich ist.

Vielleicht ist genau dieser Break nötig, um z.B. einen Goretzka halten zu können. Und das Gute ist: Je klarer Deine Philosophie, desto eher ziehst Du Leute an, die genau diesen Weg mitgehen wollen. Die genau das ausstrahlen, wofür Du stehst. Die viel loyaler und motivierter sind. Und die Dich genau auf diesen Weg führen. Genau das, was uns also in den letzten Jahren so schmerzlich gefehlt hat!

Ich glaube, das letzte Mal, dass wir solch einen klaren, kalkulierten Break hatten, war der Weg zum UEFA-Cup Sieg und zur 4-Minuten Meisterschaft:

Aus einem Haufen guter Kämpfer fügte Assauer ganz gezielt genau die richtigen Puzzlesteine hinzu, um aus einem Fast-Absteiger 93/94 den Sensationssieger 96/97 zu machen. Damit hatte die Mannschaft jedoch bereits ihren Höhepunkt erreicht und es wurden nach und nach weitere Änderungen vorgenommen. Ganz geräuschlos waren die nicht: Zwischen `97 und `01 lagen 3 Saisons höchster Mittelmäßigkeit, in der Huub schon einige Male vor dem Abschuss stand. Assauer hielt zu ihm, weil sie dieselbe Philosophie und Zielsetzung verfolgten. Und siehe da, mit den letzten Puzzlesteinen Möller und Böhme hatten wir wieder eine Top-Mannschaft, mit der sich alle identifizierten.

Hoffen wir, dass Heidel und Tedesco genau diese Linie beibehalten – trotz des Drucks von außen.

Denn ich glaube, dass wir nur so – eine klare Phiosophie lebend und vorgebend und alle Entscheidungen, auch die unbequemen, darauf ausrichtend – dauerhaft wieder erfolgreich werden können. Einen solchen Break mussten unsere Nachbarn nach 2002 ebenfalls gehen und, zu unserem großen Leidwesen, sind sie eine solche Philosophie mit Klopp nach und nach sehr erfolgreich gefahren. Auch dort war das Geschrei sehr groß, als auf einmal der beste Scorer, Alex Frei, gehen musste und unbekannte Spieler wie Lewandowski oder Subotic kamen…

Vor diesem Hintergrund kann ich alle Entscheidungen Heidels, selbst die Trainerwechsel, und erst recht die jetzigen Konsequenzen, mittragen und hoffe, dass wir ähnliche Früchte einfahren werden wie damals.

Sascha

Sozialisiert von Ralf Regenbogen und Günter Schlipper. Ist als Blogger immer darum bemüht, einfache Aussagen möglichst Intellektuell aussehen zu lassen. Versucht, seine 3 Kinder im Sinne des S04 zu erziehen: Nur gucken, nicht anfassen.

4 Kommentare zu “Warum der Wechsel von Höwedes und Geis ein Zeichen für Kontinuität sein kann

  1. Das ist eine wunderbar theoretische Argumentation. Mir fehlt aber das Element, das den Fußball eigentlich noch mehr ausmacht als wirtschaftspsychologischtheoretisches Denken: Emotion, Leidenschaft, Zufall, Glück und Pech, Sieg und Niederlage. Unterm Strich: Erfolg oder eben Misserfolg. War auch wieder Stichwort von Heidel auf der Stuttgart-PK. Trifft auf alle Clubs zu, und vielleicht besonders auf Schalke.

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    1. # Tobias Was soll denn diese Aussage jetzt bedeuten? Welches Element? Was hat das mit dem Artikel zu tun?

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  2. Ich zitiere mal eine Passage, um das deutlicher zu machen: „Je klarer Deine Philosophie, desto eher ziehst Du Leute an, die genau diesen Weg mitgehen wollen. Die genau das ausstrahlen, wofür Du stehst. Die viel loyaler und motivierter sind. Und die Dich genau auf diesen Weg führen. Genau das, was uns also in den letzten Jahren so schmerzlich gefehlt hat!“

    Ja, aber: Die Leute ziehen aus meiner Sicht dann mit, wenn es läuft. Sprich: Wenn du Erfolg hat. Klar ist eine Linie wichtig. Aber Erfolg überlagert alles. Selbst wenn deine Linie schwierig ist, aber der Zufall oder andere Begleitumstände dir vier, fünf Siege in Serie bescheren (was immer passieren kann – ähnlich wie bei den fünf Niederlagen vergangene Saison, die keinesfalls alle hochverdienten oder sonnenklar waren), dann werden sie dir folgen. Das ist mE an einigen Stellen ausgeblendet, aber zu zentral, als dass man das kann.

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    1. Natürlich läuft mit dem sportlichen Erfolg alles besser – und beim ausbleiben schlechter. Aus dem Grund wird auch ein Spieler lieber zum FC Bayern oder nach Lüdenscheid gehen, als zu Schalke, völlig unabhängig vom Gehalt.
      Aber: wenn du einen klaren Weg gehst, und dein Umfeld „mitnehmen“ kannst, sprich, für diesen Weg begeistern kannst, legst du einen wichtigen Grundstein für den Erfolg.
      Beispiel Freiburg: jedem im Verein ist klar, was Freiburg macht, wie es sich wirtschaftlich über Wasser hält, und was das Ziel ist. Diesem Weg ordnen sich alle im Verein unter. Abstieg? Mist, aber der Weg wird weiter gegangen und der Erfolg stellt sich ein.
      Kann man also alle in die richtige Richtung lenken, Spieler, Mitarbeiter und Fans, wird der Misserfolg ein wesentlich geringerer Faktor im weiteren Verlauf. Aus „hab schon immer gesagt datt der nix kann!“ wird eventuell: „gib dem Zeit, das wird schon!“.
      Wenn man das schafft, hat man schon viel gewonnen. Und es wäre mit Sicherheit wichtiger als ein einzelner Spieler, egal wie lang er schon da ist.
      Daher fand ich den fehlenden Bezug auf den sportlichen Erfolg im Artikel gar nicht so schlimm.

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