Die Kapitäns-Wende

Ich persönlich glaube, dass dem Kapitänsamt zu viel Bedeutung zugemessen wird. Sportlich hat ein Kapitän eh kaum Spezialrechte, vom Münzwurf-Spektakel mal abgesehen. Der Rest ist eher mannschaftspolitischer Natur. Ein kurzer Blick darauf was sich ändert und ob das gut oder schlecht ist.

Eine Hierarchie, dass ein Trainer mit einem Kapitän spricht und der dann die Befehle durchreicht, gibt es schon ziemlich lange nicht mehr. In der Wahrnehmung ist ein Team Kapitän aber natürlich immer noch der Leitwolf, derjenige, der voran geht, gehen muss. Derjenige, der die Ansagen macht, wenn’s mal nicht so läuft. Und so ist es auch meist der Kapitän, der nach dem Spiel vor die Mikros gezerrt wird (oder sich davor drängelt) um seine Einschätzung abzugeben.

Benny Höwedes ist in den letzten Jahren zu einer Figur geworden, die dem Schalker Verlangen nach Tacheles gerecht wurde, ohne dabei in Populismus zu verfallen. Immer wieder habe ich mich bei seinen Kurzinterviews in mich hineingefreut und gedacht: Mein Kapitän.

11 Kapitäne müsst ihr sein

In meinem Text zur Führungskultur auf Schalke (Kulturwandel auf Schalke: Von Führung, Motivation und Christian Heidel.) habe ich kürzlich beschrieben, wie beim DFB der Abgang des Capitanos die ganze Führungsstruktur änderte. Ballack war ein sehr hierarchischer Kapitän, der Befehle gegeben hat und alle mussten folgen. Und es gab eine Zeit in der genau das gut und wichtig war. Aber die Zeiten änderten sich und das Spiel ist kleinteiliger geworden. Eine zentrale Recheneinheit, welche die Strategie vorgibt, ist zu langsam. Im Prinzip muss jeder Spieler diese Rolle erfüllen können.

Menschliches Sozialverhalten und Gruppenpsychologie und viele andere Disziplinen zeigen aber natürlich, dass eine komplett ausgeglichene Demokratie nicht zielführend ist. Menschen organisieren sich in Gruppen natürlich hierarchisch, meist Kompetenz-getrieben: Wer sich am besten bei etwas auskennt, gibt die Richtung vor.

Neue Konzepte vom Laptop-Trainer

Domenico Tedesco ist Teil der Generation Laptop Trainer, die neue Konzepte ins und ums Spiel einbringen um langfristig erfolgreich zu sein. Ob das mit dem langfristigen Erfolg kommt, muss sich natürlich erst noch zeigen, aber es erfreut mich persönlich sehr zu sehen, dass er nicht vor drastischen Maßnahmen zurück schreckt um diesen Erfolg zu bringen. Dem Weltmeister die Binde weg zu nehmen ist für mich eine solche drastische Maßnahme.

Der Coach argumentiert, dass die Verantwortung auf mehrere Schultern verteilt werden solle. Das zeigt, dass die Grundüberlegung die gleiche ist, wie bei der Ballack-Ablöse. Natürlich weit weniger extrem. Fokus mehr auf den Mannschaftsrat, bestehend aus Burgstaller, Fährmann, Goretzka, Höwedes und Naldo. Alles erfahrene und spielintelligente Schlüsselfiguren im Kader.

Gehen wir mal davon aus, dass Höwedes auch in Zukunft noch vor Kameras die richtigen Worte findet. Auch Fährmann wurde für sowas in der Vergangenheit ja gern herangezogen. Was intern passiert ist von außen sowieso nicht einschätzbar. Ich sehe das überhaupt nicht als Degradierung gegenüber Höwedes. Ich sehe das als Stärkung der Mannschaft. Alle werden viel direkter in die Pflicht genommen, nicht nur der eine Kapitän. Außerdem ist es ein starkes Zeichen, dass Tedesco viel vor hat und vor nichts zurück schreckt. Sowas brauchen wir. Veränderung ist gut.

Karsten

Karsten

Karsten ist auf Kohle geboren, in Europas weltschönstem Herten nämlich, der zweitgrößten Stadt in Europa ohne eigenen Bahnhof. Er hat Halbfeldflanke.de gegründet und analysiert da Spiele und Spieler. Hier verausgabt er sich anderweitig.
Karsten

11 Kommentare zu “Die Kapitäns-Wende

  1. Danke, Karsten, du sprichst mir aus der Seele.
    Klar ist das ein Einschnitt, so lang wie Benni Kapitän war. Dass er damit das Standing in der Mannschaft verliert glaub ich auch nicht.
    Und wenn er aus sich heraus eine Führungsperson ist wird er das auch weiter auf dem Feld ausleben, ob mit oder ohne Kapitänsbinde, dafür aber eventuell mit weniger Druck.

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  2. Für mich ist die Degradierung von BH ein klares Zeichen dafür, dass er keinen Stammplatz mehr hat. Das halte ich für eine gute Entscheidung. In den letzten Jahren gab es immer wieder Phasen, in denen er überspielt wirkte oder nach einer Verletzung zu früh zurück kam. Ohne Binde wird man ihm mehr Auszeiten geben. Das wird ihn und das Team besser machen.

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    1. Wie geschrieben, für mich ist das keine Degradierung. Und ich glaube auch, dass er nach wie vor wichtiger Teil der Abwehrkette bleiben wird. Stambouli ist in meinen Augen lediglich erster Ersatz. Aber ja, vielleicht hast Du recht, dass ihm aus irgendwelchen Gründen nicht genügend Auszeiten gewährt wurden.

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  3. Meinst Du denn, dass „Kapitän“ eigentlich ein Anachronismus ist? Oder sollte es – unabhängig von der Binde und den Interviews – schon einen „Wortführer“ auf dem Platz geben? Vielleicht sollte man heute in jedem Spiel einem anderen die Binde geben? Regelfrage: Muss man einen Kapitän haben? (ich vermute, ja) Fragen über Fragen….

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    1. Ja, es muss einen geben, hab im Regelwerk nachgesehen:

      Ein Spieler jeder Mannschaft ist der Spielführer (Teamkapitän). Obwohl
      er für das Benehmen seiner Mannschaft verantwortlich ist, genießt er
      keine Sonderrechte.

      Allerdings, wie man sieht bedeutet das Amt tatsächlich gar nix.

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      1. Das könnte sich aber ja ändern. Teil des Vorschlags zu Regeländerungen kürzlich war aber übrigens, dass der Kapitän der einzige werden soll/könnte, der mit dem Schiri diskutieren darf. Außerdem ist jetzt ja schon der Kapitän der erste Ansprechpartner des Schiedsrichters.

  4. Wir haben einen Trainer und man muss ihm zugestehen, dass er Veränderungen durchführt, die innerhalb und auch asserhalb der Mannschaft Wirkung zeigen.
    Ich glaube auch, dass Benni z.Z. kein Stammspieler ist und dann natürlich auf dem Platz dann auch nicht helfen kann.
    Wenn der Kapitänwechsel allerdings das einzige „Sommercaos“ ist, bin ich wirklich sehr froh darüber. ..es geht auch anders – siehe die tollen Gelben

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  5. […] Noch viel mehr schmerzt die Tatsache, dass Domenico Tedesco richtig gehandelt hat. „Richtig“ meint hier „prinzipientreu“, nicht gemessen am sportlichen Erfolg der Maßnahme. Den kann man erst in der Zukunft beurteilen. In der „Amtszeit“ von Benedikt Höwedes haben wir keine Titel gewonnen. In der „Amtszeit“ von Benedikt Höwedes hat sich das Team immer wieder (und zunehmend) durch lasche Einstellung und fehlenden Teamgeist um den eigenen Erfolg gebracht. Exemplarisch sei die letzte Saison genannt, bei der ein starkes „Wir wollen in die Europa-League“ nicht erkennbar war. Wenn man also argumentiert, dass BH als Kapitän wichtig war, muss man konstatieren, dass er seinen Job vielleicht einfach nicht richtig gut gemacht hat (Man muss übrigens nicht überzeugt sein, dass das Amt noch eine große Bedeutung hat, meint Karsten hier. […]

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