Nur ein Sack Reis? Ein Contra zur China-Reise

Ja, der Max, der sieht das lässig: Mal locker nach Peking jetten, Rundgang auf der großen Mauer, hier & da ein entspannter Kick in smogfreier Atmosphäre und nebenher ein paar Werbemilliönchen mit nach Hause bringen. Am Ende hat der Jobst sein Säckel gefüllt und der Tedesco hat Eckenschießen geübt, ohne, dass die Konkurrenz was mitbekommt.

So geht’s nicht, Herr Mitbewohner!

Peking ist von Gelsenkirchen 7771 km entfernt. Bei dem Aufwand, ein ganzes Team sowie einen Trainer- und Betreuerstab da überhaupt hin- und unter zu bekommen, sollte man schon fragen, warum die Saisonvorbereitung nicht vorzugsweise rund um den Berger See stattfindet.

Die Gesellschaft in China ist zwischen arm und reich tief gespalten. Zur Maximierung des Wirtschaftswachstums werden die ökologischen Grundlagen radikal ausgebeutet. Presse- und Redefreiheit gibt es nicht, die Todesstrafe wird nach wie vor praktiziert. Liu Xiaobo zum Beispiel ist ein chinesischer Schriftsteller gewesen, der ganz entschieden für die Einhaltung von Menschenrechten in seinem Land gekämpft und 2010 den Friedensnobelpreis gewonnen hat. Er hat viele Jahre im Gefängnis gesessen und ist erst vor wenigen Tagen in der Haft an Krebs gestorben. Ein guter Zeitpunkt, um öffentlich ein Zeichen zu setzen. Sicher: Ob Schalke 04 auf eine Werbetour fährt oder nicht, ändert an diesen Zuständen genau nichts. Der vielbeschworene Sack Reis. Auch finde ich, dass der Verein nicht mehr oder weniger Verantwortung hat, diese Zustände zu kritisieren, als ich, Angela Merkel oder meine Friseurin (die ist aber Türkin und hat ihre eigenen Probleme). Nichtsdestotrotz wäre es ein starkes Signal, diese Tour einfach mal offensiv abzusagen. Dass der Verein zu gesellschaftlich relevanten Themen Stellung beziehen kann, hat er in der Vergangenheit erfolgreich gezeigt und das steht ihm auch zu. Der Imagegewinn bei aktuellen Fans und in der deutschen Öffentlichkeit wäre enorm. Vielleicht würden auch in China (und weltweit) viel mehr Fans mit dem Verein sympathisieren, wenn sich die Solidarität, die diese Absage ausstrahlt, herum spricht?

Der sportliche Wert

Max schreibt:

 „Eine einwöchige Reise, in der das Marketing eher im Vordergrund steht als die sportliche Vorbereitung, also eine Dauer von ⅙ der Vorbereitung, in dem die Mannschaft körperlich nicht 100% geben kann, kann keine Ausrede für ein Defizit in irgendeinem relevanten Bereich sein.“

Au contraire! Diesen Aspekt beurteile ich entgegengesetzt. Ist unsere sportliche Situation luxuriös? Sind denn alle gesund und ausgeruht? Aus sportlicher und körperlicher Sicht ist eine solche Reise für mich völlig unverständlich. Der Fokus der aktuellen Arbeit sollte auf der Erarbeitung von Taktik, dem Aufbau der notwendigen Kondition und dem gegenseitigen Kennenlernen liegen. Aber vor allem: Auf der Konzentration auf sich selber. Bei der momentanen Leistungsdichte in der Bundesliga und dem hohen professionellen Niveau der Konkurrenz zählt m. E. jeder Tag, den das Team in Ruhe an den Basics arbeiten kann. „Schiffe versenken“-Zocken auf dem Entertainment-System im A380 gehört nicht dazu. Niemand kann mir ernsthaft erzählen, dass Trainingseinheiten auf einer China-Reise genaus aussehen, wie am Berger Feld.

Der konkrete finanzielle Effekt dieser Auslandsaktivitäten ist mir nicht ganz klar, vielleicht kann mir das jemand im Detail nachweisen. Momentan sehe ich, dass unsere Spieler gefühlte 300 Tage im Jahr durch die Weltgeschichte fahren. Nicht alles davon ist schädlich, aber ich wünsche mir mehr Konzentration auf’s Wesentliche. Sportlicher Erfolg wiegt dann letztlich doch schwerer als Torwandschießen an der Chinesischen Mauer.

Max‘ Artikel zur China-Reise findet ihr hier!

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Christian

Christian

Nach der aktiven Karriere (Champions League-Teilnahme mit den Schäl Sick Rastellis) erfolgloser Demotivationstrainer an ostdeutschen Theatern. Jetzt Vertreter (u. a. von gebrauchten Interessen). Windows 98-Experte. Vater. Genosse. Ostfriese. Schalker. Kommunen-Koch.
Christian

4 Kommentare zu “Nur ein Sack Reis? Ein Contra zur China-Reise

  1. Zum sportlichen Wert:
    Im Moment werden wohl eher die Basics wie Kondition und Teambuilding erledigt und die kann man ganz bestimmt auch in China erarbeiten. Die Reisestrapazen sind sicherlich eine Zusatzbelastung, aber die Flugtage werden sicherlich nicht auf die Tage gelegt worden sein, wo das höchste Trainingspensum gewesen wäre…
    Der wichtigste Teil kann doch erst dann kommen, wenn auch die U21 und Confed Cup Spieler wieder da sind. Und auch bei den Neuzugänge waren das selbstgesetzte Timelimit nicht grundlos für Mittersill festgelegt und nicht für China.

    Was ich an Kritikpunkten vermisst habe:
    In China gegen Besiktas und Inter zu spielen fühlt sich in etwa so an, wie im Chinarestaurant Döner und Pizza zu bestellen. Mit chinesischem FUSSBALL hat unsere Reise wahrlich wenig zu tun.
    Vor zwei Jahren hieß es noch die USA seien der wichtigste Zukunftsmarkt und wir sind im Winter nach Florida geflogen. Was ist eigentlich daraus geworden? Für andere Teams, wie Frankfurt, scheint eine Reise ja immer noch lohnend zu sein. Und wie hätten dieses Jahr sogar zwei U20 (?) Nationalspieler im Team gehabt!
    Und China ist doch auch nicht der einzige asiatische Markt. Der BVB grast außerdem noch Japan ab und hat u. a. mit Kagawa auch entsprechenden Anklang dort gefunden. Hätten wir mit Uchida da nicht auch was zu suchen? Was ist mit Südkorea? Gerade da wir noch keine Autosponsoren haben, könnte man doch Japan und Südkorea verstärkt sondieren. Und was wäre mit Indien? Würde sich vielleicht ein Engagement dort lohnen?

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