Die Kommune liest heute: Football Leaks. Die schmutzigen Geschäfte im Profi-Fußball

Im Profi-Fußball geht es um viel Geld – das ist eine Binse und weiß ein jeder, der den Sport auch nur ein bisschen verfolgt. Was die Details angeht, ist die Branche aber sehr diskret. „Zu den Einzelheiten haben alle Beteiligten Stillschweigen vereinbart“, so heißt es oft. Nur manchmal dringen Einzelheiten durch, so wie die Nachzahlungsklauseln beim Wechsel von Manuel Neuer in den Süden der Republik.

Im Buch „Football Leaks“ von Rafael Buschmann und Michael Wulzinger allerdings wird der Vorhang beiseite gezogen und der Blick freigegeben auf die Details, auf Gier, Geld, Erpressung und Ausbeutung.

Das Buch sowie die vorherigen Veröffentlichungen u.a. im Spiegel beruhen auf Dokumenten, die dem Spiegel-Reporter Rafael Buschmann von der Enthüllungsplattform „Football Leaks“ zugespielt wurden. Es hat zwei Ebenen: auf der einen wird die Geschichte der Enthüllung erzählt.

Der Enthüller – Held oder Aufschneider?

Die zentrale Figur auf dieser Ebene ist „John“, in etwa der „Deep Throat“ in dieser Geschichte. Ein Portugiese, totaler Fußball-Fanatiker, Fan von Real Madrid, irgendwas zwischen 25 und 40 Jahre alt. Buschmann beschreibt, wie der Kontakt entstand und vertieft wurde. Wie baut man Vertrauen zu einem Whistleblower auf? Indem man mit ihm zusammen isst, trinkt, feiert, Fußball guckt, ihn zu Antiquitätendeals begleitet (von irgendwas muss auch ein Whistleblower leben). John ist eine schillernde Figur, beinahe zu schillernd, gewisse Passagen lasen sich für mich wie eine erfundene Agentengeschichte. Und bei allem gewachsenen Vertrauen schafft der Reporter es nicht, an die Quellen hinter der Quelle zu kommen: Wo kommen die Verträge, Kontoauszüge, Mailverkehre her? Das bleibt offen. John bleibt auf eine bestimmte Art und Weise ungreifbar, was bei mir Zweifel weckte, ob er wirklich vom idealistischen Motiv getrieben ist, die übelsten Auswüchse des Systems zu beenden. Auch der Reporter (und seine Kollegen beim Spiegel) bleiben immer wieder ratlos und skeptisch zurück.

Butter bei die Fische

Auf der zweiten Ebene geht es in die Details. Welche Deals, was für Zahlen, wie sind die Abhängigkeiten, gehören die Transferrechte am neuen Top-Talent aus Sonstwoher überhaupt dem eigenen Verein? Wer war 2016 der Fußballer mit dem bestdotierten Arbeitsvertrag? Und kassieren die Berater wirklich so viel?

Oh ja. Zum Beispiel im Fall von Julian Draxler. Man erinnert sich, da feierte die Marketing-Abteilung des S04 im Frühsommer 2013 die Verlängerung von Draxler ab, wen interessierte schon das „deutsche“ Championsleague-Finale ein paar Tage später, Verlängerung bis 2018 des großen  Schalker Zukunftstalents, blablabla.

Es ging eher um die wirtschaftliche Zukunft von Draxlers Berater-Agentur Rogon (Draxlers auch, klar), in jenem Vertrag aus 2013. Zum Beispiel durch eine Klausel, dass Rogon 15% der Ablösesumme im Falle des Weiterverkaufs vor Vertragsablauf 2018 kassiert. Für 36 Millionen ging er bekanntlich im August 2015. Jetzt möge der Leser selber rechnen. Und das war bei weitem nicht alles, was die „Rogonauten“ (so mal das Schalke Unser)  anlässlich der Draxler-Verlängerung kassiert haben. (Siehe auch dieses Interview aus SU 52).

Ausland kostet extra

Die Beispiele für Gier, Ausbeutung und geradezu erpresserische Strukturen im Spieler-Handel sind zahlreich. Es gibt nicht nur Auflauf-, Tor-, Vorlagen- und Punkteprämien in allen juristischen Formen und Farben, sondern z.B. auch Prämien für gutes Verhalten (für schwierige Fälle wie Mario Balotelli), für Spiele ohne Gegentor (nicht nur für Torhüter), Treueprämien fürs Nichtkündigen, beeindruckend kreative und ausgefeilte Sonderkündigungsrechte (vulgo: Ausstiegsklauseln). Es heißt nicht einfach nur „Für 10 Millionen kannste gehen“. Es ist komplizierter.

Erschreckend sind die Auswüchse der – inzwischen eigentlich durch die FIFA verbotenen –  „Third Party Ownership“ an Spielern und die Auswüchse des teilweised erpresserischen Menschenhandels, man muss es so nennen, mit Talenten aus nicht ganz so privilegierten Ecken der Welt. Schließlich werden auch die Modelle vorgestellt, mit deren Hilfe Spieler wie Cristiano Ronaldo ihre Einnahmen außerhalb der bloßen Gehaltszahlungen „optimieren“.

Was bleibt?

Änderungen im Geschäftsgebaren sind durch die Enthüllungen, deren Echtheit nicht ernsthaft bestritten werden, nur langsam und auf lange Sicht zu erwarten. Wenn überhaupt. Die Vertreter der größten Vereine Europas trafen sich im Januar 2017 in München – um zu diskutieren, wie man an die Quelle der Lecks kommt, um sie zu stoppen. Denn, so ein gewisser Karl-Heinz Rummenigge, jetzt können die Spieler erfahren, was ihre Kollegen verdienen. Nicht auszudenken. FIFA und UEFA schließlich interessieren sich auch nur so mittel für dieses Thema. Auf der anderen Seite wird aus CR7 nun eventuell CR 14,7 als Folge der Enthüllungen.

Alles in allem, Football Leaks lohnt sich. Beide Ebenen, die der Enthüllung und die Enthüllungen selbst, werden vom Autor recht geschickt ineinander verwoben. Je mehr Freunde des Fußballs von den Enthüllungen, den Details des Geschäfts erfahren, desto besser für den nüchternen Blick auf den Profi-Fußball.

 

Rafael Buschmann, Michael Wulzinger
Football Leaks: Die schmutzigen Geschäfte im Profi-Fußball
Erschienen 2017, DVA Sachbuch, 16,99 EUR.

Joe

Joe

Schalker, Berliner, Sauerländer, Rechtsanwalt Jahrgang 73, und nun auch noch Blogger und Kommmunen-Mitgründer.
Joe

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